loading . . . Digitale Gewalt:Â Das lassâ ich mir nicht nehmen Was ist das fĂŒr ein Grauen, wenn jemand sexualisierte Deepfakes, die vermeintlich dich zeigen, an MĂ€nner in deinem Umfeld schickt? Wie schlimm muss es sein, wenn diese Videos und Bilder auf Pornoplattformen landen? Was sagt es ĂŒber unsere Gesellschaft aus, wenn es nicht verboten ist, solche Aufnahmen herzustellen und zu teilen?
Seit die Geschichte im Spiegel ĂŒber Collien Fernandes erschien, herrscht groĂe Fassungslosigkeit. Obwohl schon seit Jahren bekannt ist, dass solche Deepfakes von Fernandes im Umlauf sind. Und dass solche Bildern auch von sehr vielen anderen kursieren, vor allem von Frauen und MĂ€dchen.
Doch Fernandes schafft, was sonst nur den allerwenigsten Betroffenen dieser Grausamkeiten gelingt: Ihr wird zugehört. Sie spricht offen von Panikattacken, von Scham, dem GefĂŒhl von Wertlosigkeit. Und von einer âvirtuellen Vergewaltigungâ.
### Die Hölle sind die Anderen
Zu dem Grauen, das Fernandesâ Geschichte offenbart, gesellte sich in den vergangenen Tagen ein weiteres: das ĂŒber die Reaktionen. Diese findet man nicht nur in den AbgrĂŒnden der rechten Höllenmaschine, zu der die Plattform X wurde. Sie stehen auch in den Kommentaren unter den BeitrĂ€gen, die wir in den vergangenen Tagen veröffentlicht haben.
âWenn sexuelle Deepfakes ohne EinverstĂ€ndnis verbreitet werden und daraus eine psychische SchĂ€digung der betroffenen Person entsteht, sollte dies strafbar seinâ, schreibt da jemand. FĂŒr die âreine Herstellung ohne Verbreitungsabsichtâ sehe man diese Notwendigkeit aber nicht. Das schade schlieĂlich niemandem.
Es ist nicht der einzige Kommentar dieser Art. Viele weitere, darunter auch weitaus derbere, haben wir gar nicht erst freigeschaltet. Der Tenor ist bei allen der gleiche. Ăberspitzt lĂ€sst er sich so zusammenfassen: Was soll so schlimm daran sein, wenn ich in meiner Freizeit einen Deepfake-Porno fĂŒr mein eigenes VergnĂŒgen bastele? Das steht mir doch wohl zu â Zustimmung hin oder her.
Wenn man den Kommentatoren diese kleine Freude nehmen wĂŒrde, geht der Gedanke weiter, könne man ja gleich anfangen, Fantasien zu verbieten. TatĂŒtata, ruf doch die Gedankenpolizei.
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TatsÀchlich hat das Bundesjustizministerium einen Gesetzentwurf vorgelegt, der zwar schon lÀnger in Arbeit war, nun aber im Eiltempo abgestimmt werden soll. Dieses Gesetz gegen digitale Gewalt soll bereits das Erstellen von sexualisierten Deepfakes unter Strafe stellen. Immer unter der Voraussetzung, dass dies ohne die Zustimmung der gezeigten Personen erfolgt.
Mal ganz abgesehen davon, ob es eine gute Idee ist, so etwas ĂŒber das Strafrecht regeln zu wollen â es gibt berechtigte Zweifel daran â, wird derzeit vor allem eines deutlich: Genau diese âFreiheitâ wollen sich viele nicht nehmen lassen.
Ich saĂ in den vergangenen Tagen oft fassungslos vor dem Computer, wenn ich diese Kommentare in meiner Inbox las. Minutenlang nicht mal in der Lage, auf Löschen zu drĂŒcken. Mit jeder Nachricht offenbarten die Kommentierenden ja auch etwas ĂŒber sich selbst. Und diese Selbstoffenbarungen waren fĂŒr mich wie der Blick in einen sehr tiefen Abgrund.
Merken sie denn nicht, wie empathielos und surreal ihre Haltung wirkt? Insbesondere fĂŒr all jene, die weiter unten im patriarchalen MachtgefĂŒge stehen?
In den vergangenen Tagen zeigten sehr viele MedienbeitrĂ€ge doch vor allem eines deutlich: Digitale Gewalt ist echte Gewalt. Das Leid und die Folgen, die solche Handlungen fĂŒr die Betroffenen haben, liegen gerade so deutlich auf dem Tisch wie selten zuvor.
### Wer darf was mit wem?
Es ist mehr als ausreichend dokumentiert, dass die Vorstellung falsch ist, mit sexualisierten Deepfakes keinen Schaden zu verursachen. Die psychischen und körperlichen Folgen fĂŒr die Betroffenen, die Panik, der Stress, die Angst â sie sind real. Ja, sie sind Ă€hnlich wie bei anderen Gewalterfahrungen, der Körper unterscheidet da nicht.
Wer das ignoriert, gibt viel ĂŒber das eigene Innenleben preis. Diese Haltung zeigt zugleich, was das eigentliche Problem ist: Es gibt Menschen, die offenbar glauben, es stĂŒnde ihnen zu, Gewalt auszuĂŒben.
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Sie gehen davon aus, dass es ihr gutes Recht ist, das Aussehen von Frauen und MĂ€dchen nicht nur zu bewerten und zu kommentieren, wie es in unserer Gesellschaft noch immer ĂŒblich ist. Sondern dass sie deren Körper darĂŒber hinaus ungefragt zu ihrem VergnĂŒgen verwenden dĂŒrfen. Ganz nach dem Motto: Das ist im Patriarchat normal, das haben wir so gelernt.
Sie rechtfertigen sich dann etwa damit, dass es wohl kaum ein Unterschied mache, ob sie sich etwas in ihrem Kopf ausmalten oder ob sie auf einen Knopf drĂŒcken wĂŒrden, um diese Fantasien zu visualisieren.
Aber sexualisierte Bilder entstehen gegen den Willen der Betroffenen. Allein diese Vorstellung, dass Menschen sexualisierte Deepfakes nach Belieben herstellen können, kann fĂŒr Betroffene beschĂ€mend und demĂŒtigend sein. Die Verletzung ist noch gröĂer, wenn die Bilder an andere Personen oder gar an die Ăffentlichkeit gelangen und sich unkontrolliert weiterverbreiten.
### Es geht um Macht
In der aktuellen Debatte muss sich endlich eine Erkenntnis durchsetzen, zu der Feministinnen schon in ihren Analysen zu #metoo und anderen Formen von Machtmissbrauch gelangt sind. Eine Erkenntnis, die immer noch als eine Art Geheimwissen gehandelt wird:
Sexualisierte Gewalt â analog oder in Form von digitalen Deepfakes â hat nichts mit Sex zu tun. Sondern sie handelt von Macht. Eine Person ĂŒbt sie ĂŒber eine andere Person aus, etwa indem sie ihr Gesicht ungefragt auf den Körper einer Pornodarstellerin montiert. Die im Ăbrigen auch nicht gefragt wurde.
Wenn Menschen also bezweifeln, ob digitale Gewalt wirklich so schlimm sei; ob der Schaden, der von Deepfakes ausgeht, wirklich echt sei; oder ob es strafbar sein sollte, ein sexualisiertes Bild ohne die Zustimmung der gezeigten Person zu generieren oder zu teilen â dann streiten wir um Macht. Wer hat sie? Wem steht sie zu? Wer soll sie abgeben?
Ein Blick in die Kommentarspalte zeigt, wie lang die Strecke ist, die wir in diesem Kampf noch vor uns haben. https://netzpolitik.org/2026/digitale-gewalt-das-lass-ich-mir-nicht-nehmen/