loading . . . Ein paar ungeordnete Gedanken über Journalismus als ideologische Form Dieser Text ist aus einem langen Thread mit Nebenzweigen entstanden, den ich Sonntag morgen in meine Bluesky App getippt habe. Konkreter Anlass ist meine Wahrnehmung der Berichterstattung deutscher Medien (bewusst gesehen habe ich Zeit, Spiegel, DLF, Tagesschau) zur Eschießung von Alex Pretti in Minneapolis, aber auch zu der von Renee Good.durch ICE-Kommandos. Von der MAGA Administration gesteuerte ICE- & DHS-Kommandos sind in ganz Minnesota unterwegs und greifen sich Menschen ab, die ihnen nicht ins Bild passen, unter anderem zweijährige Kinder, stecken sie in Lager außerhalb ihres Bundesstaates, so dass sie keinen Kontakt zu Angehörigen haben und es schwer ist, juristischen Beistand zu organisieren. Oder sie erschießen die Leute einfach auf offener Straße. (2025 sind mindestens 32 Menschen in der Haft in ICE-Lagern gestorben: https://www.theguardian.com/us-news/ng-interactive/2026/jan/04/ice-2025-deaths-timeline )
Wer ein bisschen auf Social Media unterwegs ist, hat mittlerweile vermutlich zumindest Ausschnitte von Live-Videos der beiden Erschießungen gesehen bzw. Augenzeugenberichte dazu gelesen oder die Analysen von Profis wie Bellingcat oder sogar von der New York Times (die sonst auch dazu neigt, staatliche Darstellungen solcher Exekutionen zu übernehmen). Die Erfahrung, die man macht, wenn man nach dem Durchscrollen seiner TL auf deutsche Medien geht, kann ich nur als surreal bezeichnen. Im Thread habe ich versucht, mir selbst zu erklären, was ich glaube, was da eigentlich passiert: Warum es für viele sich als journalistisch verstehende Medien (nicht nur) in Deutschland anscheinend übermenschlicher Anstrengung bedarf, klar zu beschreiben, was mittlerweile Millonen von Menschen gesehen haben. Der besseren Lesbarkeit halber und als Dokumentation für mich habe ich den Thread hier zusammenkopiert und nochmal bissle für bessere Verständlichkeit redigiert. Da ist alles tatsächlich für mich noch eine offene Frage. Ich freue mich über weiteren Input dazu. Weil es im Thread selbst schon guten Input gab, verlinke ich den auch hier: https://bsky.app/profile/tinido.bsky.social/post/3mdahl6r7422r
Ich frage mich gerade, ob Journalismus vielleicht das gesellschaftliche Feld ist, wo Selbstbeschreibung der Beteiligten und das ganz gut sichtbare tatsächliche Funktionieren des Felds soweit auseinander treten, dass das sich selbst blind zu machen gegen diese Differenz die eigentliche zentrale professionelle Kompetenz ist? Dass also Journalist*innen, v.a. wenn sie in sogenannten Leit- & Qualitätsmedien arbeiten, die Aufgabe, für die wir glauben sie zu bezahlen, habituell gar nicht (mehr?) machen können. Oder, noch schwärzer formuliert: Dass das Informieren über Geschehnisse, zu denen wir selbst keinen relativ direkten Zugang haben, tatsächlich gar nicht die Funktion von Journalismus ist, sondern das Blind machen für diese Geschehnisse (zB. reale Machtverhältnisse, reale Gewalt), selbst wenn wir sie mit eigenen Augen sehen können oder sogar dabei waren.
Was nicht meint, dass es nicht zahllose Journalist*innen gibt, die den Job des Informierens über politische und gesellschaftliche Gewaltverhältnisse trotzdem machen, aber sie machen ihn GEGEN das Feld. Was auch die ständigen Appelle aus dem Journalismus selbst an uns Rezipierende erklärte, doch die guten Beispiele hervorzuheben und sozialmedial zu verbreiten. Was wir, denke ich, tatsächlich sehr viel stärker tun sollten.
Ich fürchte aber auch, dass das an den tatsächlichen Funktionslogiken des Felds aber nicht viel ändert, weil nicht wir, das Publikum, zählt, sondern die Produktion eines Publikums, das sich mit den herrschenden gesellschaftlichen Macht- & Gewaltformen arrangiert bis identifiziert. Und wenn das stimmt, dann kann Journalismus als Funktionskomplex Kritik gar nicht als konstruktiv wahrnehmen, dann sind Kritiker*innen immer, kommen sie von innen, Nestbeschmutzer UND werden als schlechte Journalist*innen diffamiert (aktivistisch, zu emotional, nicht objektiv, etc) oder, kommen sie von außen, politisch motivierte Aktivisten mit einer Agenda; zu dumm, um zu verstehen, wie guter Journalismus funktioniert; Verschwörungstheoretiker; zu naiv, um die Komplexität der Lage zu verstehen Auf jeden Fall aber sie sind nicht „das Publikum / unsere Zuschauer / die Hörer da draußen“, das von den Betriebsverantwortlichen zur Legitimation angerufen wird, sondern schlicht irrelevant, wenn wir keine Macht haben, richtig Ärger zu machen, oder halt Gegner, die als antidemokratisch diffamiert werden, wenn die Kritik anfängt, doch ernsthafte Konsequenzen zu haben. Was, wenn meine Hypothese stimmt, Medienkritik zu einer weitgehend zweckfreien Stilübung machte. Bzw. Kritik an Medien & Journalismus müsste dann anders operieren.
(Zusätzlicher Gedanken zum Thread: Ein anschaluliches Beispiel für dieses Prinzip der Selbstimmunisierung des Systems in Aktion ist der Umgang der Verantwortlichen und Beteiligten mit der erfolgreichen Kritik an der versuchten Installation von Thorsten Mischke und Jule Lobe als Moderator*innen des ARD Kultur-Topformats Titel Thesen Temperamente und des unter demselben Namen neu zu etablierenden Podcasts. Die Personalentscheidung wurde zurückgenommen, nachdem von Kulturjournalist*innen, Menschen, die im Kulturbereich tätig sind und der ÖRR-Zuschauerschaft gut begründete Zweifel an der professionellen Eignung und Kompetenz geäußert wurden, sowie die wenig positive Reaktion eines Testpublikums auf Mischke als Moderator an die Öffentlichkeit durchsickerten. Mittlerweile framen ARD-Verantwortliche und Betroffene die Debatte als Angriff auf die Pressefreiheit und die Kritik an der professionellen Eignung von Mischke und Lobo als gewaltvolle Kommunikation und Traumatisierung.)
Was meine ich mit „Produktion des Publikums“: Wie ich hier Produktion meine, sind da Konstruktion, Imagination & Projektion verschränkt. Redaktionen müssen sich zwangsläufig ein / das Publikum vorstellen, für das sie arbeiten, weil man ja tatsächlich nicht die Xtausend Leute, die einen real einigermaßen regelmäßig lesen/gucken/hören, kennen kann. Publikum (bzw. Marketingdeutsch: Zielgruppe) hat deswegen immer was abstraktes, konstruiertes, auch imaginiertes. Das ist, mE., noch nicht das Problem, so lange man als Redaktion auf dem Schirm hat, dass man & auch WIE man selbst sein Publikum zumindest mitproduziert. Meine Hypothese ist, dass Journalismus als Feld die (kritische) Reflexion auf diesen eigenen großen Anteil an der Schaffung des Publikums (& wer da interessanterweise NICHT dazugehört) nicht leistet (möglicherweise auch nicht leisten kann?) und dass dadurch „Publikum“ was total ideologisches wird. Das Wesen, auf das man eintextet, das man in Stellung gegen Kritiker*innen bringt (Leute, die zurücktexten ≠ Publikum) & das man der Politik als „die Bevölkerung“/„das Volk“/ „die Leute“ präsentiert, worauf die eigene Legitimation der bevorzugten Behandlung durch die Politik beruht (die Politik braucht ja ein Publikum, früher haben die Schaffung eines politischen Publikums Parteien viel weitgehender selbst geleistet, interessanterweise haben sie das sehr zurückgesteckt, dafür haben sich aber, in meiner Wahrnehmung, die Habitus von Politiker & Journalist sehr angenähert, zu schweigen von der Durchlässigkeit der beruflichen Karrieren.
Ich freue mich über weitere Gedanken, Hinweise, Gegenargumente und übers Teilen.
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