loading . . . Rassismus kritisieren â aber wie? Seit der _Allgemeinen ErklĂ€rung der Menschenrechte_ ist die Ablehnung von Rassismus auch Bestandteil der normativen Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften. FĂŒr die Ăberzeugung, dass Rassismus eine unzeitgemĂ€Ăe, wissenschaftlich widerlegte, moralisch abzulehnende und politisch zu bekĂ€mpfende Ideologie ist, kann inzwischen mit breiter Zustimmung gerechnet werden. Gleichwohl wirft die Frage einige Schwierigkeiten auf, wie es gelingen kann, nicht rassistisch zu sein und Rassismen nicht nur abzulehnen, sondern in ĂŒberzeugender und wirksamer Weise zu kritisieren sowie zu vermeiden, dass die Kritik eine differenzierte Analyse durch Moralisierung ersetzt.
Stuart Hall hat bereits 1980 akzentuiert, dass von unterschiedlichen Formen von Rassismus und damit von Rassismen im Plural auszugehen ist, die dynamisch und kontextabhĂ€ngig sind (Hall 1980: 305â345). Daran anschlieĂend haben Annita Kalpaka und Nora RĂ€thzel Anfang der 1990er Jahre in ihrer damals einflussreichen Publikation âDie Schwierigkeit, nicht rassistisch zu seinâ darauf hingewiesen, dass rassistische Denkweisen und Praktiken keineswegs allein als Bestandteil traditioneller rassistischer Ideologien wirksam sind, sondern modernisierte Varianten in den Blick zu nehmen und eigene Verstrickungen in rassistische Hierarchien zu reflektieren sind (Kalpaka/RĂ€thzel 1990). Pierre-AndrĂ© Taguieff hat in seiner zuerst 1988 erschienenen umfangreichen Studie âDie Macht des Vorurteilsâ argumentiert, dass bestimmte Formen der Rassismuskritik selbst auf vorurteilsgeleiteten Annahmen ĂŒber diejenigen basieren, die von ihren Gegnern als Rassisten imaginiert werden und die Logik antirassistischer Kritik dann deutliche Ăhnlichkeiten zu den von ihm kritisierten rassistischen Denkweisen aufweist (Taguieff 2000). In der neueren Rassismusdiskussion hat LoĂŻc Wacquant dezidiert fĂŒr eine wissenschaftliche Analytik rassistischer Herrschaft plĂ€diert, die Distanz zu common-sense Annahmen einnimmt sowie sozialwissenschaftliche Analysen nicht durch ein moralisches Schema der vereindeutigenden Unterscheidung in TĂ€ter und Opfer ersetzt (Wacquant 2023). Wiederkehrend problematisiert wurde eine ĂŒbergeneralisierende Verwendung des Rassismusbegriffs. Kennzeichnend dafĂŒr ist der Verzicht auf eine differenzierte, empirisch fundierte Analyse der Ursachen, Formen und Folgen sowie der Reichweite unterschiedlicher Formen von biologischem und kulturellem Rassismus sowie anderer Formen ethnischer, religionsbezogener oder nationalistischer Diskriminierung sowie der Verdacht, Rassismus sei eine alle gesellschaftlichen SphĂ€ren durchdringende Herrschaftsform.
Die damit angesprochenen Problematiken weisen auf einen theoretischen KlĂ€rungsbedarf hin, der nicht allein die Fragen betrifft, was die historischen und gesellschaftlichen Ursachen und GrĂŒnde von Rassismus waren bzw. sind, sondern auch, welche WiderstĂ€nde und Kritik rassistische Denkweisen und Praktiken in den jeweiligen Kontexten haben. Sozialwissenschaftlich erklĂ€rungsbedĂŒrftig ist also nicht nur die Entstehung und Etablierung von Rassismus, sondern auch die Artikulationen von heterogenen Formen der Rassismuskritik. Damit stellt sich die Frage, was die gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen von Rassismuskritik waren und sind. Darauf ausgerichtete KlĂ€rungen sind insbesondere deshalb relevant, weil es zweifellos nicht tragfĂ€hig ist, gegenwĂ€rtige Rassismuskritik als eine externe Kritik zu verstehen, die von auĂen an eine rassistische Gesellschaft herangetragen wird. Vielmehr handelt es sich um eine gesellschaftlich situierte Kritik, deren Voraussetzungen, Formen und Folgen sozialwissenschaftlich zu analysieren sind.
Die gesellschaftliche Situierung auch von _Rassismuskritik_ wird exemplarisch in der SelbstverstĂ€ndlichkeit deutlich, mit der Immanuel Kant ĂŒber die Frage nachdenkt, wie viele Rassen es gibt und was diese unterscheidet, wĂ€hrend er zugleich die Einheit der Menschengattung als Vernunftwesen betont sowie das Prinzip der jedem Individuum zukommenden WĂŒrde begrĂŒndet (Kant 1964 [1775]: 11â30; Kant 1964 [1785]: 65â82). Gesellschaftlich situierte ZusammenhĂ€nge von jeweiligen Rassismen und den Formen ihrer Kritik zeigen sich auch bereits in den ZusammenhĂ€ngen von Sklaverei, Rassismus und Abolitionismus: Historisch Ă€lteren Formen der Sklaverei liegen noch keine rassistischen Einteilungen zugrunde, sie operieren als gewaltgestĂŒtzte Macht, die nicht auf ideologische Rechtfertigungen angewiesen ist (Eckert 2021: 36ff.). Dagegen waren sowohl die Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels im Kontext der Plantagenökonomie und seine nunmehr rassistische AusprĂ€gung ebenso eng mit dem europĂ€ischen Expansions- und Modernisierungsprozess verschrĂ€nkt wie spĂ€ter dann die formelle Abschaffung der Sklaverei (ebd.: 74ff.).
Im Folgenden werden unterschiedliche Konstellationen von Rassismen und Rassismuskritik in der Absicht aufgezeigt, fĂŒr problematische Vereinfachungen und VerkĂŒrzungen zu sensibilisieren, die aus einem ahistorischen und die eigene gesellschaftliche Situierung ausblendenden SelbstmissverstĂ€ndnis von Rassismuskritik resultieren können. In der Perspektive einer reflexiven Soziologie werden unterschiedliche Problematisierungsweisen von Rassismus skizziert sowie aufgezeigt, was dabei jeweils als Rassismus in den Blick genommen wird und was die Grundlagen und Implikationen der Kritik sind (Scherr 2020: Scherr/MĂŒller 2025).
### Situierungen von Rassismus und Rassismuskritik
Historische und gegenwĂ€rtige Rassismen versuchen in unterschiedlicher Weise rassistische Einteilungen und Hierarchien zu begrĂŒnden und zu rechtfertigen. Dies ist immer dann erforderlich, wenn das Postulat der Existenz ungleicher und ungleichwertiger âRassenâ gesellschaftlich nicht als vermeintlich unstrittige Tatsache betrachtet wird, also ein Bedarf an BegrĂŒndung und Rechtfertigung besteht.
Bereits im historischen Kontext der europĂ€ischen Eroberung Mittel- und Nordamerikas waren Sklaverei und Rassismus keineswegs unumstritten. Vielmehr wurde von BartholomĂ© de Las Casas, dem damaligen Bischof von Chiapas in Mexiko, eine religiös begrĂŒndete Kritik artikuliert, die zu Kontroversen und religiösen Rechtfertigungsversuchen gefĂŒhrt hat (Frederickson 2011: 53ff.). Die Auseinandersetzung ĂŒber Rassismus wurde dabei im Rahmen eines christlich-religiösen Weltbildes gefĂŒhrt.
Im Unterschied dazu kommen gegenwĂ€rtiger Rassismus und gegenwĂ€rtige Rassismuskritik gewöhnlich ohne eine religiöse BegrĂŒndung aus. Gleichwohl kann das Argument der gleichen WĂŒrde aller Individuen auch gegenwĂ€rtig durchaus noch theologisch begrĂŒndet werden. Dies war etwa bei Papst Franziskus der Fall, der mit dem Verweis auf das Prinzip einer universellen Geschwisterlichkeit aller Menschen Rassismus als VerstoĂ gegen die MenschenwĂŒrde und als âein Virus, das leicht mutiert, und, anstatt zu verschwinden, im Verborgenen weiter lauertâ problematisiert.[1] Dies hat bei ihm auch zu einer deutlichen Kritik der Migrationspolitik der Trump-Administration gefĂŒhrt.[2] Eine solche Positionierung des Papstes kann innerhalb der katholischen Kirche und von glĂ€ubigen Katholik:innen nicht ignoriert werden, entfaltet ihre Relevanz aber nur dort und von diesen â auĂerhalb dieser SphĂ€ren ist die Geltung gesellschaftlich anders situiert.
Damit soll exemplarisch verdeutlicht werden, dass Rassismen und jeweilige Formen der Rassismuskritik kontextabhĂ€ngig sind, d.h. auf HintergrundĂŒberzeugungen verweisen, die fĂŒr jeweilige (religiöse, politische, wissenschaftliche) Weltbilder spezifisch sind. Das fĂŒhrt zu der Frage, welche Ansatzpunkte fĂŒr Rassismus und fĂŒr Rassismuskritik in den jeweiligen Kontexten gegeben sind. Dies ist politisch (und auch pĂ€dagogisch) folgenreich, denn eine Rassismuskritik, die auf Argumente (statt auf Verbote, Sanktionen oder moralische BeschĂ€mung) setzt, ist darauf verwiesen, an entgegenkommende HintergrundĂŒberzeugungen ihrer jeweiligen Adressat:innen anknĂŒpfen zu können, um diese davon zu ĂŒberzeugen, dass Rassismus auch von ihnen und _im Rahmen ihres Weltbildes_ abzulehnen ist.
### Problematisierungsweisen von Rassismus
Rassistische Klassifikationen entwickelten sich in Europa seit dem 16. Jahrhundert im Kontext der europĂ€ischen Expansion und damit in Verbindung mit Sklavenhandel und Kolonialismus (Frederickson 2011: 46ff.). Rassismus entstand dabei als Ideologie, die ein auf körperliche Unterschiede (Hautfarbe, Physiognomie) bezogenes Einteilungsschema sowie ein ErklĂ€rungsschema fĂŒr Unterschiede des gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungsniveaus herstellt. Die Existenz unterschiedlicher âRassenâ wurde auch in der damaligen religiösen Kritik des Rassismus (s.o.) als unstrittige Tatsache vorausgesetzt. Dennoch ging man davon aus, dass die Menschen aller âRassenâ vernunftbegabte Wesen sind und als solche anerkannt werden sollen, also nicht versklavt werden dĂŒrfen (ebd.: 54ff).
Eine Rassismuskritik, welche die Existenz unterscheidbarer âRassenâ annimmt, ist noch Mitte des 20. Jahrhunderts gĂ€ngig. In der Zusammenfassung des damaligen Diskussionstandes durch die UNESCO wurde 1950 argumentiert, dass von einer Einheit der Gattung Mensch auszugehen ist, also davon âthat all men belong to the same speciesâ (UNESCO 1950: 6). Deshalb sei es bei der Thematisierung von Unterschieden zwar angemessener, âto drop the term âraceâ altogether and speak of ethnic groupsâ (ebd.: 5). Gleichwohl wird dort noch an der Vorstellung einer ZulĂ€ssigkeit rassialisierender Einteilungen zur ErklĂ€rung körperlicher Unterschiede â aber ausschlieĂlich dafĂŒr â festgehalten. DemgegenĂŒber wird inzwischen davon ausgegangen, dass selbst körperliche Unterschiede keine klare Abgrenzung zwischen nach Kriterien der âRasseâ unterscheidbaren Kollektiven begrĂŒnden können, sondern auch bezogen auf die bloĂe Körperlichkeit von flieĂenden ĂbergĂ€ngen und Vermischungen auszugehen ist. Rassen, so der sozialwissenschaftliche Konsens, existieren nur in der Vorstellungswelt von Rassist:innen.
Folglich können zunĂ€chst zwei basale Problematisierungsweisen von Rassismus unterschieden werden: Zum einen die historisch lĂ€nger zurĂŒckreichenden Kritikstrategien, welche die Existenz von âRassenâ als Sachverhalt voraussetzen und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bestimmte soziale VerhĂ€ltnisse kritisieren, die durch Rassismus legitimiert werden. Zum anderen jĂŒngere Kritikstrategien, die die rassische Klassifikation selbst in Frage stellen und als Teil des Problemzusammenhangs begreifen. Diese beiden Problematisierungsweisen haben jeweils unterschiedliche AusprĂ€gungen, die im Folgenden skizziert werden.
### Problematisierungen von Rassismus, welche die Existenz von âRassenâ als Sachverhalt voraussetzen
_a. Kritik von Rassismus als Legitimation von extremen Formen der Ausbeutung und gewaltgestĂŒtzten Herrschaft_ , so bereits 1552 bei BartolomĂ© de Las Casas mit einer christlich religiösen BegrĂŒndung und im Kontext der Haitianischen Revolution 1791 mit explizitem Bezug auf die französische ErklĂ€rung der BĂŒrger- und Menschenrechte bei Toussaint Louverture (Frederickson 2011: 53ff.).
_Modus der Kritik_ : Aufgrund der Gleichheit aller Menschen ist die offenkundige AuĂerkraftsetzung elementarer moralischer Prinzipien nicht rechtfertigbar.
_b. Kritik von Rassismus als Legitimation sozialer Ungleichheiten_ in Verbindung mit der Forderung nach ökonomischer und politischer Gleichstellung, so klassisch bei W.E.B. Du Bois, dem ersten afroamerikanischen Soziologen, der eine soziologische Rassismuskritik begrĂŒndet hat (Du Bois 2005 [1903]), sowie im Kontext des _First Universal Races Congress_ (1911). Im Weiteren dann in einflussreicher Weise bei Martin Luther King, dort in Verbindung mit einem christlich begrĂŒndeten moralischen Universalismus (Scharenberg 2011).
_Modus der Kritik_ : Kollektive Benachteiligung aufgrund rassistischer Diskriminierung steht in Widerspruch zur Idee gleicher Rechte und Freiheiten aller Individuen.
_c. Kritik von rassistischen Klassifikationen als wissenschaftlich nicht tragfĂ€hige biologistische ErklĂ€rung sozialer PhĂ€nomene_ , so bei Max Weber, der sich beim ersten Kongress der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Soziologie (DGS) â mit Verweis auf seine Kontakte zu Du Bois â gegen die Etablierung des Rassebegriffs als soziologische Grundkategorie wendet (MĂŒller 2020).
_Modus der Kritik_ : Die ErklĂ€rung sozialer VerhĂ€ltnisse durch biologische Gegebenheiten ist wissenschaftlich nicht belegbar; die gĂ€ngigen Behauptungen ĂŒber die vermeintlichen Eigenschaften der rassistisch Klassifizierten stehen in Widerspruch zu relevanten empirischen Sachverhalten.
_d. Kritik von Rassismus als weiĂe, westliche Herrschaft gegenĂŒber âSchwarzenâ, People of Colour (PoC) bzw. Black, Indigenous, and other People of Color (BIPOC)_ , klassisch bei Malcolm X, dann in Varianten der gegenwĂ€rtigen identitĂ€tspolitischen und postkolonialen AnsĂ€tze.
_Modus der Kritik:_ SelbstermĂ€chtigung fĂŒr antirassistischen Kampf gegen weiĂe Vorherrschaft in Verbindung mit einer Distanzierung vom universalistischen Modus der Kritik.
### Problematisierungen der rassischen Klassifikation
e. Kritik der biologischen Rassekonstruktion als ideologisches Klassifikationsschema, das rational nicht begrĂŒndbar ist, so etwa bei Claude Levi-Strauss (LĂ©vi-Strauss 2019).
_Modus der Kritik_ : Die Idee biologisch klar unterscheidbarer Rassen ist naturwissenschaftlich nicht tragfÀhig sowie auch keine tragfÀhige ErklÀrung kultureller Unterschiede und sozialer Hierarchien.
f. Kritik des Kulturrassismus als funktionales Ăquivalent des biologischen Rassismus nach der erfolgreichen Delegitimation des biologischen Rassismus (Miles 1989; Taguieff 2000; zur Diskussion in Deutschland s. u.a. Rommelspacher 1995 und die BeitrĂ€ge Melter/Mecheril 2009).
_Modus der Kritik:_ Ideologiekritische Analyse der Verwendung des Kulturbegriffs als funktional Ă€quivalentes Substitut fĂŒr âRasseâ; ZurĂŒckweisung kulturdeterministischer ErklĂ€rungen individuellen und kollektiven Handelns und von Annahmen ĂŒber unĂŒberwindbare Differenzen zwischen Kulturen.
Ob, und wenn ja, in welcher Weise Unterscheidungen zwischen Kulturen und klassifikatorische Einteilungen in Ethnien als wissenschaftlich begrĂŒndbar gelten können und welche ErklĂ€rungskraft sie fĂŒr IdentitĂ€tsbildung, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen haben, wird anhaltend kontrovers diskutiert (s. etwa Scherr 2000; Wieviorka 2003; Brubaker 2007; Mende 2015; Appiah 2019). Kulturdeterministische Konzepte und die Vorstellung vermeintlich klar abgrenzbarer und in sich widerspruchsfreier Kulturen sind dabei begrĂŒndet kritisiert worden, was aber nicht heiĂt, dass die Annahme kultureller Unterschiede grundsĂ€tzlich obsolet ist.
### Herausforderungen einer reflexiven Rassismuskritik heute
Jede sozialwissenschaftliche Beobachtung und Beschreibung geht mit spezifischen Ein- und AusschlĂŒssen einher, was auch fĂŒr die Reichweite und die Grenzen der jeweiligen Problematisierungsweisen von Rassismus folgenreich ist. Die Perspektive einer reflexiven Kritik (vgl. dazu MĂŒller/Scaramuzza 2024) ist deswegen darauf verwiesen, nicht ânurâ die Entstehung der BegrĂŒndungen und Legitimierungen von Rassismus, sondern auch die der Rassismuskritik in den Blick zu nehmen. Es geht demnach darum, die GleichursprĂŒnglichkeit von Rassismus und Rassismuskritik zu analysieren. Zugespitzt formuliert: Wo Rassismus existiert, existiert auch seine Kritik, historisch und empirisch. Theoretisch zeichnen sich derzeit aus einer reflexiven Perspektive vor allem vier Herausforderungen ab:
___Erstens_ besteht dringender KlĂ€rungsbedarf in Bezugnahmen auf den Begriff â _struktureller Rassismus_ â, der inzwischen nicht mehr nur in wissenschaftlichen Kontexten (s. dazu u. a. Biskamp 2023: 156ff.; El-Mafaalani 2021: 39ff.: Gomolla 2023: 172ff.) verwendet wird, sondern auch in der medialen[3] und politischen[4] Kommunikation. In einer einschlĂ€gigen reprĂ€sentativen Befragung stimmen auch 48,9 % der Aussage zu âWir leben in einer rassistischen Gesellschaftâ (DEZIM 2022: 56). WĂ€hrend in wissenschaftlichen Texten akzentuiert wird, dass es klĂ€rungsbedĂŒrftig ist, ob, und wenn ja, in welcher Weise Rassismus strukturell bedingt und verankert ist, wird in der medialen und politischen Kommunikation sowie in Kreisen des antirassistischen Aktivismus wiederkehrend unterstellt, dass die Gesellschaft insgesamt rassistisch strukturiert sei. Rassismus im engeren Sinne ist heute jedoch _nicht_ konstitutiv fĂŒr die ökonomische, rechtliche und die politische Ordnung, wie dies zu Zeiten der Rassentrennung in den USA oder der Apartheid in SĂŒdafrika der Fall war. Ganz im Gegenteil: Explizit rassistisches Handeln ist justiziabel und wird in der Gesellschaft von einer ĂŒberwiegenden Mehrheit abgelehnt. Dass rassistische Ressentiments, Stereotype und Praktiken gleichwohl weiterhin existieren und ggf. auch in die Strukturen von Organisationen eingeschrieben sind sowie politische Entscheidungen beeinflussen, soll damit nicht bestritten werden. Inzwischen liegen zahlreiche wissenschaftliche Studien vor, die hervorheben, dass rassistische Diskriminierung nicht hinreichend als Folge vorurteilsgeleiteten Handelns verstanden werden kann, sondern auch aus Entscheidungsverfahren, Regeln, Konventionen und Routinen von Institutionen und Organisationen resultieren kann (s. etwa Gomolla 2023 und Scherr 2023 sowie die BeitrĂ€ge in Scherr/Reinhardt/El-Mafaalani 2023, Teil II und III). Ein diffus verwendeter Strukturbegriff, bei dem Annahmen ĂŒber _rassistische Strukturen_ vage und unbestimmt bleiben, ist fĂŒr eine sozialwissenschaftliche Analyse solcher Sachverhalte jedoch kaum hilfreich. Erforderlich ist es vielmehr, empirisch und theoretisch fundiert zu betrachten, ob und ggf. wie z. B. ökonomische, politische, organisationale oder rechtliche Praktiken rassistisch begrĂŒndet oder legitimiert werden sowie etablierte Gewissheiten und Routinen zu Benachteiligung und Ausgrenzung fĂŒhren, obwohl eine rassistische Zielsetzung resp. eine explizite ideologische Ăberformung nicht gegeben ist. Sichtbar wird dann auch genauer, wo, wie und inwiefern der Abbau und die Kritik jeweiliger vorhandener rassistischer Praktiken und Legitimationen nach wie vor dringlich und erforderlich sind.
Die _zweite_ Herausforderung besteht darin, dass die skizzierten Problematisierungsweisen von Rassismus in aktivistischen Diskursen gelegentlich in ein binĂ€res _Schwarz-WeiĂ-Schema_ ĂŒbersetzt werden, in dem ganz generell âWeiĂeâ als UnterdrĂŒcker:innen und âSchwarzeâ bzw. People of Colour als Opfer von Ausbeutung und UnterdrĂŒckung imaginiert werden. Folgenreich werden die problematischen Konsequenzen einer solchen binĂ€ren Dichotomie regelmĂ€Ăig, wenn dieses Schema auf JĂŒdinnen und Juden angewendet wird und diese dabei als âWeiĂeâ etikettiert werden. Islamistische Repression und Gewalt können dann als Kampf gegen weiĂe Vorherrschaft und der moderne israelbezogene Antisemitismus mit einer antirassistischen Haltung legitimiert werden (vgl. dazu auch Scherr 2021; MĂŒller 2025).
_Drittens_ ist es diskussionsbedĂŒrftig, ob und wie Rassismuskritik gegenwĂ€rtig Bestandteil von Tendenzen in Richtung auf eine post-rassistische Transformation von Macht- und UngleichheitsverhĂ€ltnissen im globalisierten Kapitalismus sind, die mit einer meritokratischen Ideologie einhergehen, fĂŒr die tradierte rassistische Einteilungen ein zu ĂŒberwindender Störfaktor sind (Scherr 2017).
Die _vierte_ Herausforderung besteht unseres Erachtens in der _Tendenz zur Ersetzung von Analyse durch Moral_. Die verschiedenen Modi der Kritik können durch moralische Haltungen so stark ĂŒberlagert und ĂŒberformt werden, dass die fĂŒr sozialwissenschaftlich reflexive ZugĂ€nge unhintergehbare Differenz von Empirie und Analyse einerseits, moralischen Ăberzeugungen und moralisch motivierten Haltungen andererseits nicht mehr aufrechterhalten, sondern in unzulĂ€ssiger Art und Weise vermischt wird. Moralische Eindeutigkeit tritt dann an die Stelle empirischer Analysen und theoretischer Beschreibungen. Im Extremfall werden diese auch nicht benötigt, sie scheinen ĂŒberflĂŒssig zu sein oder werden abgewehrt.
Aussichtsreiche Rassismuskritik wird auf eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen und Legitimationen von Rassismus angewiesen sein. Eine abstrakte, kontextunabhĂ€ngige Rassismuskritik kann moralisch befriedigend sein; Rassismuskritik kann jedoch nicht voraussetzen, dass alle dasselbe moralische VerstĂ€ndnis teilen, dass die Idee der gleichen WĂŒrde und der gleichen Rechte jedes Individuums und die Ablehnung aller Formen von Diskriminierung fĂŒr sie fraglos selbstverstĂ€ndlich ist. Praktiker:innen der politischen Bildung können ein leidiges Lied davon singen: Es gibt keine voraussetzungslose, kontextfreie und deshalb ĂŒberall zustimmungsfĂ€hige Rassismuskritik. Reine Moralisierung und/oder Sanktionierung mag zwar attraktiv und hilfreich erscheinen, scheitert jedoch an den Ăberzeugungen der Adressat:innen (Haug 1992). Diese verstehen, was âman nicht sagen darfâ, jedoch nicht, warum. Eine ĂŒberzeugende Kritik muss an die Ăberzeugungen der Adressat:innen anschlieĂen, fĂŒr diese ĂŒberzeugend sein.
FĂŒr angemessene politische, rechtliche und pĂ€dagogische Strategien gegen Rassismus ist es erforderlich, sozialwissenschaftliche Analysen fortzufĂŒhren, die nicht ânurâ befĂ€higen zu verstehen, wie und warum welche Rassismen bestehen und andauern, sondern auch, wie sich antirassistische Ăberzeugungen und Praktiken in denselben Strukturen nachhaltig und zukunftsweisend formieren können. Eine Ersetzung von Analyse durch Moral ist dafĂŒr nicht hilfreich.
### Literatur
Appiah, Anthony. 2019. IdentitÀten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit. Berlin: Hanser.
Brubaker, Rogers. 2007. EthnizitÀt ohne Gruppen. Hamburg: Hamburger Edition.
Biskamp, Floris. 2023. Rassismustheorie und Diskriminierungskritik. In Handbuch Diskriminierung, hrsg. Albert Scherr, Anna Cornelia Reinhardt, und Aladin El-Mafaalani, 147â171. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.
Du Bois, W.E.B. 1903/2005. The Souls of Black Folks. New York: Barnes & Noble.
Deutsches Zentrum fĂŒr Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). 2022. Rassistische RealitĂ€ten: Wie setzt sich Deutschland mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa). Berlin: DEZIM. https://www.rassismusmonitor.de/fileadmin/user_upload/NaDiRa/CATI_Studie_Rassistische_RealitĂ€ten/DeZIM-Rassismusmonitor-Studie_Rassistische-RealitĂ€ten_Wie-setzt-sich-Deutschland-mit-Rassismus-auseinander.pdf?
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Fredrickson, George M. 2011. Rassismus. Ein historischer AbriĂ. Stuttgart: Reclam.
Gomolla, Mechtild. 2023. Direkte und indirekte, strukturelle und institutionelle Diskriminierung. In: Handbuch Diskriminierung, hrsg. Albert Scherr, Anna Cornelia Reinhardt, und Aladin El-Mafaalani, 172â194. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.
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Kant, Immanuel. 1785/1964. Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse (1785). In Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und PĂ€dagogik., hrsg. Wilhelm Weischedel, 65â82. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
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Scharenberg, Albert. 2011. Martin Luther King: Ein biografisches PortrÀt. Freiburg: Herder.
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Scherr, Albert und Stefan MĂŒller. 2025. Rassismus. In Handbuch Soziale Probleme, hrsg. Martina Althoff, Mechthild Bereswill, und Anke Neuber. Wiesbaden: Springer VS.
Scherr, Albert/Reinhardt, Anna/El-Mafaalani, Aladin 2023. Handbuch Diskriminierung. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS.
Taguieff, Pierre-André. 2000. Die Macht des Vorurteils. Kritik der antirassistischen Vernunft. Hamburg: Hamburger Edition.
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Wacquant, LoĂŻc. Immer Ărger mit âraceâ. Eine Agenda fĂŒr den Umgang mit einer heiklen Kategorie, in: Berliner Journal fĂŒr Soziologie (2023), H. 33, S 9â32.
Wieviorka, Michel. 2003. Kulturelle Differenzen und kollektive IdentitÀten. Hamburg: Hamburger Edition.
### Ăber die Autoren
Stefan MĂŒller
Professor fĂŒr Bildung und Sozialisation unter Bedingungen sozialer Ungleichheiten an der Frankfurt University of Applied Sciences, Forschungsbereich âGesellschaftliches Erbe des Nationalsozialismusâ.
Albert Scherr
war Professor am Institut fĂŒr Soziologie der PĂ€dagogischen Hochschule Freiburg und ist Research Fellow an der University of the Free State, QuaQua Campus, South Africa.
[1] Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti ĂŒber die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, 2020, https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html, hier Art. 96.
[2] Siehe dazu das Schreiben an die US-amerikanischen Bischöfe, das auch eine explizite Kritik der politischen Moral des VizeprÀsidenten J.D. Vance enthÀlt: https://www.domradio.de/glossar/schreiben-von-papst-franziskus-die-us-bischoefe-zur-migrationspolitik-der-regierung-unter
[3] Siehe etwa https://mediendienst-integration.de/news/was-ist-struktureller-rassismus/ oder https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tag-mit-teresa-koloma-beck-wie-viel-strukturellen-100.html
[4] Siehe etwa https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/faqs/DE/ethnische_herkunft_rassismus/04_institutioneller_struktureller_rassismus.html oder https://www.youtube.com/watch?v=r6rIjA00U5E.
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https://blog.soziologie.de/2025/12/rassismus-kritisieren-aber-wie/