loading . . . Zurück in die Zukunft Meine GroÃmutter hatte eine Redewendung, die lautete: âFrüher, als die Menschen noch vom Himmel fielen.â Ich glaube, es war der Anfang einer absurden Geschichte aus ihrer eigenen Kindheit, in der Art von âWenn die Flüsse aufwärts flieÃen â¦â oder âDunkel warâs, der Mond schien helle â¦â. So in der Art etwa, ihr kennt das. Das war ihre Standardreaktion, wenn jemand von früher schwelgte, ihr etwas diplomatischeres âQuatschâ.
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Zwar bin ich keine GroÃmutter, aber inzwischen im passenden Alter dafür, und ich ertappe mich unangenehmerweise immer häufiger dabei, von früher zu schwärmen. Ich finde das ganz und gar nicht gut, denn das ist in meinen Augen ein Alarmzeichen dafür, dass man aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln, dass man sich dem Lernen verweigert, dass man eine rosa Brille aufhat. Ich finde auÃerdem, an den Punkt sollte man möglichst überhaupt nicht stoÃen, aber definitiv noch nicht schon so kurz nach der Mitte des Lebens.
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Früher war beileibe nicht alles besser, früher war alles nur irgendwie ⦠früher. Als im 70er-Jahre-Westdeutschland aufgewachsenes Kind waren die Amerikaner die Guten, die Russen die Bösen. Die Chinesen fanden nicht wirklich statt in der öffentlichen Diskussion. Die Menschen in Magdeburg waren gefühlt weiter entfernt als die auf Madagaskar, die Holländer und Franzosen hassten uns und wir sie (warum, wussten wir Kinder nicht), was uns aber nicht davon abhielt, bei ihnen Ferien zu machen.
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Türken, Griechen, Italiener waren âGastarbeiterâ, die würden später wieder nach Hause zurückfahren, aber falls nicht, konnten sie wenigstens gut kochen und hatten leckeres Eis. Spanien war eine Diktatur, so wie Portugal und Griechenland. Jugoslawien war, wo die Winnetoufilme entstanden, in Andalusien wurden die Spaghettiwestern gedreht. Offenbar sind Filmgeschäft und Diktatur eine gute Kombination.
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Israel war, wo die Orangen herkamen und wo im Schulatlas darunter in Klammern Palästina stand, so ähnlich wie bei Thailand (Siam), Zimbabwe (Rhodesien) oder Sri Lanka (Ceylon). Beirut galt als das Paris des Nahen Ostens. Dubai und Riyadh waren nicht mehr als ein Haufen Sand. Orient und Okzident waren noch gänzlich unbelastete, ja, romantische, Fernweh induzierende Begriffe, und im Dorf gab es selbstverständlich auch noch einen Kolonialwarenhändler.
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Der hatte C-A-F-F-E-E, wie das Kinderlied hieÃ.
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_âNicht für Kinder ist der Türkentrank,_
_schwächt die Nerven, macht dich blass und krank._
_Sei doch kein Muselman,_
_der ihn nicht lassen kann.â_
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Musikstunde in der Grundschule, anno 1974. Nein, ich denke mir das nicht aus.
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Der Zweite Weltkrieg hatte etwa 30 Jahre zuvor geendet, das ist von heute aus gesehen ungefähr so lange her wie als Take That sich auflösten oder Fettes Brot âEs ist 1996â sangen. Eine Ewigkeit, jedenfalls für uns Kinder, aber es gab doch recht viele Erwachsene, für die es gefühlt gerade erst gestern war, als sie nachts als Fünfjährige aus ihren Betten gerissen wurden, ihre zweijährigen Geschwister in Rekordzeit ankleiden mussten und am Händchen hinter sich her in den Luftschutzbunker zogen.
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Und es gab noch viele wortkarge Männer mit nur einem Bein, nur einem Arm, oder mit einer Klappe über einem Auge, die billige Zigarren rauchten, im Park schlecht rasiert und im Unterhemd auf der Bank saÃen, und stumm diese kleinen Weinbrand-Fläschchen leerten, die an der Supermarktkasse neben den Zigaretten, der âFliegerschokoladeâ, und den Kaugummis standen.
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Oft brabbelten sie dort unverständliches Zeug vor sich hin, oder riefen dem Teenager auf dem Bonanzarad, mit den engen Jeans und den langen Haaren hinterher: âSowas wie dich hättense früher vergast.â Dafür musste man Verständnis haben, denn sie hatten doch Schlimmes hinter sich. Jedenfalls war dies die übliche, kurze Antwort auf unsere Nachfragen, was das wohl bedeuten sollte.
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Diese Männer gehörten zur _Greatest Generation_ , jedenfalls werden sie so auf der anderen Seite des Atlantiks so genannt. Bei uns waren sie nur Veteranen und es gibt heute nicht mehr sehr viele davon, die jüngsten unter ihnen wären heute ungefähr 100 Jahre alt. Ihre Kinder sind die Boomer; die ersten von denen sind auch schon über zehn Jahre in Rente.
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Nein, ich hatte eine schöne, privilegierte, heitere und unbeschwerte Kindheit in einem zu Recht verschwundenen Land, das ich keinesfalls zurückhaben will. Aber ich vermisse die Zukunft.
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Ich vermisse es, im Zeitalter der Aufklärung zu leben, statt in einer Welt, in der wir umfassend von Politik, Wirtschaft, Anwälten und Medien manipuliert und mit Halbwahrheiten, Lügen, Verschwörungstheorien bombardiert werden, damit wir leichter zu lenken sind und sie mit allem durchkommen, ohne je zur Rechenschaft gezogen zu werden, weil wir am Ende nämlich gar nichts mehr glauben.
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Ich vermisse es, dass Dinge einmal angeschafft werden und dann still und leise jahre- oder gar jahrzehntelang funktionieren, ohne Sollbruchstellen und geplante Obsoleszenz und ohne Abomodelle âas a serviceâ.
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Ein Telefon ist eine einmalige Anschaffung im Leben, es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum es jedes Jahr oder alle zwei Jahre ersetzt werden muss. Es gibt auch keinen nachvollziehbaren Grund, warum ein Telefon am Strom oder gar am Internet hängen muss und bei Stromausfall dann halt toter ist als Ohlsdorf bei Nacht. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum die Sprachqualität bei einem hässlichen, grauen, postzugelassenen Wählscheibentelefon vor fünfzig Jahren dramatisch besser war als heute bei einem brandneuen iPhone.
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Ich vermisse Post, die selbstverständlich bundesweit am Tag, nachdem sie in den Briefkasten gesteckt wurde, beim Empfänger ist. Ich verstehe nicht, warum ein Paket, für dessen Auslieferung durch Subunternehmer von Subunternehmern man innerdeutsch rund 8 Euro bezahlt hat, oft erst gar nicht mehr ausgeliefert wird, sondern vom Empfänger abgeholt werden muss â in einem anderen Stadtteil, aus einem ranzigen, kleinen Kiosk, in dem es nach Kif riecht und das albanische Personal âaus Sicherheitsgründenâ eine Kamera über dem Geldautomaten eines dubiosen Konsortiums angebracht hat. Oder in einer Packstation verschwindet, bei der man nicht Kunde ist, und für deren Ãffnung man eine App benötigt, die deine Informationen weiterverkauft.
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Ich vermisse die Zeit, als man bedenkenlos einen Gedankenstrich in seinen Texten verwenden konnte.
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Ich vermisse Züge, die einfach fahren, bei jedem Wetter (von dem alle auÃer der Bahn reden), für vergleichsweise kleines Geld. Und innereuropäische Flüge, die ein Vermögen kosten, zehnmal mehr als eine Zugfahrt, aber wo man andererseits auch nicht mit den Ohren zwischen den Knien sitzt und wie ein Stück Vieh behandelt wird. Ich vermisse Bahnabteile, die sauber sind, Wagen, in denen die Toiletten funktionieren und sauber sind.
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Ich vermisse es, spontan ins Kino zu gehen, ohne Vorbestellung per App und ohne Sitznachbarn, die laut telefonieren oder Handyspiele spielen, weil sie die Aufmerksamkeitsspanne eines postadoleszenten Goldfischs haben und keinerlei Manieren. Ich vermisse Filme mit Handlung, die nicht auf Comicheftchen aus den 1940ern und dem Rollenverständnis jener Zeit basieren, oder aber Fortsetzungen von Remakes eines fortgesetzten Remakes sind. (Spiderman XVIII â Das Musical.)
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Ich vermisse Konzerttickets, die ich an der Theaterkasse im Vorverkauf bekomme und die mich nicht eine halbe Monatsmiete kosten, wenn ich sie heute kaufe, bzw. zwei Monatsmieten, wenn ich sie erst morgen kaufe. Dynamic Pricing, my arse.
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Ich vermisse Feierabende und Wochenenden, bei denen man selbstverständlich unerreichbar für die Chefetage oder KollegInnen ist und nicht als unsozial oder arbeitsscheu gilt, wenn man sein Handy ausgeschaltet hat und nicht âschon mal vorabâ am Sonntag seine E-Mails checkt. Wohlgemerkt: Wenn man im Marketing arbeitet, nicht in der Notaufnahme.
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Ich vermisse StraÃen, die selbstverständlich instandgehalten werden. Linienbusse, in denen man beim Einstieg vorn eine Fahrkarte kaufen kann und kein neues Handy mit einer App haben muss, die meine Bewegungsdaten speichert und weiterverkauft, oder eine prepaid-Karte, bei der ich dem Verkehrsverband unbezahlten Kredit gebe und ansonsten keinerlei Ãberblick darüber habe, wie viel da noch drauf ist, wenn ich in vier Monaten das nächste Mal mit dem Bus fahren will. Denn ich bekomme ja nicht einmal mehr eine Quittung bzw. einen Fahrschein, nachdem es pieps gemacht hat.
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Ich verstehe nicht, warum aus Steuergeldern finanzierte Infrastruktur legal privatisiert wurde und warum es offenbar in keiner Partei jemanden gibt, der das so abwegig findet wie ich und das auch ändern will.
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Ich vermisse Medien, die, einmal gekauft, auch mir gehören und nicht vom Verkäufer willkürlich legal aus der Ferne gelöscht werden dürfen. Medien, die abspielbar sind auf meinen Geräten, welche nicht alle paar Monate neue Firmware benötigen, oder für die ich eine neue Lizenz kaufen muss, weil ich einen neuen DVD-Player, Fernseher oder Computer habe.
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Ich vermisse Computer, die benutzbar sind, auch wenn das Internet aus ist. Software, die ich einmalig kaufe und die dann klaglos funktioniert, einfach so, jahrelang. Software, die nicht ânach Hause telefoniertâ und meine Korrespondenz durchschnüffelt und damit legal ihre K.I. trainiert.
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Ich vermisse âDie Würde des Menschen ist unantastbar.â
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Ich vermisse es, mir etwas zu kaufen, egal was, ohne, dass darüber eine mir unbekannte Firma oder Regierung in einem Land informiert wird, in dem ich nie war und in das ich vermutlich nie (wieder) reisen möchte. Ich darf noch Bargeld nutzen, klar, aber wehe, der Preis der Ware liegt in unseren Inflationszeiten über der recht niedrigen Schwelle von ⬠3.000, z. B. beim Kauf eines Lastenfahrrads, um nicht ständig die armen Gebrauchtwagenhändler zu bemühen, dann muss ich mich nackig machen und (âIhre Papiere bitte!â) meinen Ausweis vorlegen. âDas ist wegen der Steuerhinterziehungâ, sagen diejenigen, die sich nachweislich einen Scheià für Steuerhinterziehung interessieren, sofern sie nur von den Richtigen begangen wird, und die Ermittlungen im Falle CumEx, des gröÃten bekannten Steuerbetrugs in unserem Land, aktiv be- und verhindert haben.
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Ich vermisse es, einmal täglich 15 Minuten Nachrichten zu sehen, die diesen Namen auch verdienen, von Redakteuren, die PR nicht mit Journalismus verwechseln und Kommentar und Nachricht voneinander unterscheiden können. Ich brauche auch keine âEilmeldungâ über den Tod eines 90-jährigen Schauspielers, über Schneefall im Januar, Hitze im Sommer, oder Stürme im Herbst.
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Ich vermisse die Originale. Warum wollen die meisten Menschen lieber als Kopie leben?
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Ich vermisse Politiker mit Unrechtsbewusstsein, mit Haltung und Anstand, denen man immerhin so weit vertrauen konnte, dass sie das Land nicht an den Meistbietenden verkaufen würden. Ja, es gab sie, wenn auch selten.
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Ich vermisse die Zeit, als sich junge, glattgefönte Nazis mit Wirtschafts- oder Jurastudium und Parteiabzeichen am Revers nicht getraut hätten, ihren Hass auf Frauen, Schwarze, Ausländer, Regenbogenkinder, Wissenschaftler und viele andere mehr vor laufenden Kameras zu verbreiten, und ich vermisse Programmdirektoren und Medienvertreter, die ihnen keine Kamera, kein Mikrofon hinhalten und sie nicht jede Woche als Talkshowgäste einladen.
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Ich vermisse âNie Wieder!â
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Ich vermisse ganz besonders Nachrichten über Menschen, die Nazis aufs Maul gehauen haben. Make Nazis afraid again.
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Aber ich bin Künstlerin und meine Erinnerungen und Wünsche sind nichts wert, sie stören nur noch. Ich bin komplett irrelevant, was das Bruttosozialprodukt betrifft. Man kann mich getrost ignorieren, nichts von dem, was ich sage, schreibe, wähle, wird irgendetwas am Lauf der Dinge ändern, und meine Vorstellungen von einer lebens- und liebenswerten Gesellschaft sind antiquiert und ânicht finanzierbarâ. Denn das ist offenbar das einzig verbliebene MaÃ.
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Es gibt kein Zurück. Jedenfalls kein Zurück in eine Zukunft, die Hoffnung macht, die man freudig erwartet und morgens freundlich begrüÃt. Nur ein Zurück in die Dystopien, die früher noch auf dem Lehrplan standen und heute oft auf dem Index stehen, jedenfalls in Dritte-Welt-Ländern wie den USA: 1984, The Handmaidâs Tale, Fahrenheit 451, Animal Farm u. v. a.
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Wenn ich eine andere Zukunft will, muss ich sie mir schon selbst vorstellen, schreiben, zeichnen.
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Also zurück an den Zeichentisch, denn ich brauche mehr Licht. https://e13.de/zurueck-in-die-zukunft/