loading . . . Katharina Pistor â In guter Verfassung? Zur Neuordnung des Geldwesens - Institut fĂŒr Sozialforschung Adorno-Vorlesungen 2025 Seit 2002 veranstaltet das Institut fĂŒr Sozialforschung in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag jĂ€hrlich Vorlesungen, die an drei Abenden an Theodor W. Adorno erinnern. Im Rahmen der diesjĂ€hrigen Adorno-Vorlesungen verbindet Katharina Pistor institutionenökonomische und gesellschaftspolitische AnsĂ€tze zu einer kritischen Analyse der gegenwĂ€rtigen Geldordnung. Sie untersucht Geld als relationales Gut, das nur durch Partizipation vieler Akteure entstehen und wirken kann, und beleuchtet die hierarchische Struktur des Geldwesens aus dieser neuen Perspektive. KryptowĂ€hrungen können diese Ordnung aufbrechen, doch haben sich die meisten dezentral geschaffenen WĂ€hrungen in die bestehende Hierarchie eingefĂŒgt. Dass eine andere Ordnung möglich ist und alternative Modelle sowohl institutionell als auch technologisch realisierbar sind, ist die Kernthese ihrer Vorlesungen. In ihrer Auftaktvorlesung setzt sich Katharina Pistor mit dem Wesen des Geldes auseinander, das Sozialtheoretiker:innen seit Aristoteles beschĂ€ftigt. Im gesellschaftspolitischen Diskurs wird das Geldwesen oftmals stiefmĂŒtterlich behandelt und als technokratisches System naturalisiert, das sozialtheoretischen AnsĂ€tzen nicht zugĂ€nglich ist bzw. vor diesen geschĂŒtzt werden muss. In der Tat verkĂŒrzt die gegenwĂ€rtige Ordnung des Geldwesens als privates, jedoch öffentlich garantiertes Medium das Potenzial des Geldes als relationales Gut. Ein solches Gut entsteht erst durch seine Nutzung durch viele Akteure und gewinnt an Wert, je mehr Menschen es verwenden. Diese Reklassifizierung entzieht sich herkömmlichen Klassifikationen von GĂŒtern als privat, öffentlich oder gemeinschaftlich (common pool resource) und eröffnet somit neue Wege fĂŒr die Verfassung des Geldes als demokratisches Medium. In der zweiten Vorlesung beschĂ€ftigt sich Katharina Pistor mit der Geldverfassung der Gegenwart und plĂ€diert fĂŒr deren Neuordnung. Diese Verfassung ist nicht in einem einzigen Dokument festgeschrieben, sondern das Produkt von Praktiken, die sich durch Wiederholungen verfestigt haben und auf diese Weise Erwartungen stabilisieren. Eine Vielzahl öffentlicher und privater Akteur:innen und eine noch gröĂere Bandbreite öffentlich bzw. privat emittierter Gelder sind die bestimmenden Elemente dieser Verfassung, wobei nicht alle Akteure gleichgestellt und nicht alle Gelder gleichwertig sind. Die Geldverfassung ist hierarchisch und die Spitze der Hierarchie wird von jenem Geld eingenommen, das die weiteste Verbreitung gefunden hat â nicht zuletzt, weil es von dem Schatten einer Staatsmacht profitiert, die bereit und in der Lage ist, fĂŒr seinen nominalen Wert und somit seine Zukunft einzustehen. Die Geldverfassung ist somit nicht unverĂ€nderlich, sondern spiegelt bestehende MachtverhĂ€ltnisse wider. Sie ist nicht auĂergesellschaftlich, sondern durchdringt wirtschaftliche und politische Prozesse, die umso stĂ€rker von ihr beeinflusst werden, je mehr die Realisierung geldwerter Profite als MaĂ aller Dinge idealisiert wird. Diese Ăberlegungen fĂŒhren in der dritten Vorlesung zur Frage der Neuordnung des Geldwesens, insbesondere der Frage, welche Alternativen zu dieser Geldverfassung existieren und wie der Ăbergang zu einer neuen Geldverfassung gestaltet werden könnte. Anhand zahlreicher Beispiele aus der historischen und soziologischen Forschung beleuchtet Katharina Pistor die politische Ăkonomie des Geldwesens und seiner Wandlungsmöglichkeiten. Krisen können Auslöser solcher Wandlungsprozesse sein, fĂŒhren jedoch hĂ€ufig dazu, das bestehende System zu stabilisieren. Dezentrale AnsĂ€tze sind mit heutiger Technologie möglich, wie das Beispiel der Verbreitung von KryptowĂ€hrungen zeigt. Ob diese Technologien dazu genutzt werden, ein weiteres spekulatives Gut in Umlauf zu bringen oder eine Neuordnung des Geldes zu bewirken, hĂ€ngt von ihrer Gestaltung ab. Eine Neuordnung, die dem Wesen des Geldes als relationales Gut gerecht wĂŒrde, wirft eine Reihe von Fragen auf: Unter welchen Bedingungen entstehen dezentrale Geldsysteme? Welche Möglichkeiten gibt es, diese zu vernetzen und interoperabel zu machen? Und welche Rolle könnten die hĂŒtenden Instanzen der gegenwĂ€rtigen Geldverfassung, insbesondere die Zentralbanken, als treibende KrĂ€fte fĂŒr eine Transformation des Geldes spielen? Katharina Pistor lehrt als Edwin B. Parker-Professorin fĂŒr Vergleichende Rechtswissenschaft an der Columbia Law School und ist KoâDirektorin des Center for Political Economy an der Columbia University in New York. Die Schwerpunkte ihrer Forschung liegen im vergleichenden Finanzmarkt- und Unternehmensrecht. Nach der eingehenden BeschĂ€ftigung mit der Transformation ehemals sozialistischer LĂ€nder widmet sie sich seit der Finanzkrise 2008 den rechtlichen Grundlagen kapitalistischer Wirtschaftsordnungen. FĂŒr ihre Forschung wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2012 mit dem MaxâPlanck-Forschungspreis. Ihr 2019 erschienenes Buch The Code of Capital: How the Law Creates Wealth and Inequality (deutsch: Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp 2020) wurde in acht Sprachen ĂŒbersetzt. Ihre Monografie The Law of Capitalism and How to Transform It erscheint im Herbst 2025. Die Adorno-Vorlesungen finden vom 22. bis 24. Oktober 2025 statt. Weitere Informationen zu den einzelnen Vorlesungen folgen in KĂŒrze. https://www.ifs.uni-frankfurt.de/eventleser/katharina-pistor-in-guter-verfassung-zur-neuordnung-des-geldwesens-3.html