loading . . . Achttausender-Bergsteigerin Anja Blacha: „Meine Identität hängt nicht von den Bergen ab“ Anja Blacha
Sie ist eine starke Frau. Anja Blacha erreichte auf Skiern den Südpol, alleine und ohne Unterstützung von außen. Und sie hat bereits zwölf der 14 Achttausender bestiegen, so viele wie keine andere Frau aus Deutschland – und das ohne Flaschensauerstoff.
Auf dem Mount Everest stand die 35-Jährige sogar dreimal: 2017 stieg sie, mit Atemmaske, über die tibetische Nordseite auf, 2021 und 2025 über die nepalesische Südseite des Bergs, das erste Mal mit Flaschensauerstoff ab einer Höhe von rund 8400 Metern, vier Jahre später ganz ohne Atemmaske – übrigens als erste deutsche Frau.
Vor dem Beginn der diesjährigen Frühjahrssaison hat Anja Blacha meine Fragen beantwortet.
_Anja, du hast zwölf von 14 Achttausendern ohne Flaschensauerstoff bestiegen. Was dominiert – der Stolz über das schon Erreichte oder der Ehrgeiz, nun auch die Sammlung zu komplettieren?_
Ich schaue gerne nach vorne, getragen von dem, was zurückliegt und mich dahin gebracht, wo ich heute stehe. Ob man das mit dem im Deutschen doch eher negativ konnotierten Wort „Ehrgeiz“ beschreiben muss, möchte ich in Frage stellen.
Stattdessen sage ich lieber: Schön, dass es Ziele und Erlebnisse gibt, auf die ich mich freuen und hinarbeiten darf. Diejenigen, die ich bereits gemacht habe, waren so bereichernd, dass ich diesem Weg noch mehr meiner Lebenszeit schenken möchte.
Lhotse im ersten Tageslicht (von Tengboche aus gesehen)
_Es fehlen noch der Lhotse und die Shishapangma. An welchem der beiden Berge siehst du für dich die größere Herausforderung?_
An beiden Bergen kann viel passieren; sei es der Eisbruch auf dem Weg zum Lhotse oder die Lawinengefahr an der Shishapangma. Die jeweils aktuellen Bedingungen und die eigene Konstitution sind wichtige Einflussgrößen, die ich a priori nicht bewerten kann. Die größte Herausforderung ist aber wohl, an die Startlinie zu kommen.
_Wie trainierst du für die Achttausender?_
Jede vorangehende Expedition ist das beste Training für die nächste.
_Deinen ersten Achttausender – den Everest mit Atemmaske – hast du 2017 bestiegen. Wie hast du dich nach eigener Einschätzung in den vergangenen neun Jahren als Bergsteigerin weiterentwickelt?_
Ich dachte, die Entwicklungsgespräche aus meiner Arbeitszeit hätte ich fürs Erste hinter mir gelassen. 😊Meine offensichtlichen Entwicklungsstufen an den 8000ern sind:
1. Mit Sherpa-Support und Flaschensauerstoff
2. Mit Sherpa-Support und ohne Flaschensauerstoff
3. Ohne Sherpa-Support und ohne Flaschensauerstoff – oder das, was bei vielen euphemistisch auch gerne schon mal „Solo-Expedition im Alpinstil“ heißt.
Anja 2025 am Gipfelgrat des Mount Everest
Die weniger offensichtlichen sind die, die meine Rolle im Expeditionsgeschehen anbelangen, in das ich eingebunden bin. Dazu gehören Elemente wie das Gestalten der Besteigungsstrategie, die gegenseitige Unterstützung am Berg, bis hin zum Handling von kritischen Momenten.
_Trotz aller Infrastruktur bleibt das Höhenbergsteigen ein Risikosport. Wann war es für dich am engsten?_
An der Annapurna von einer Lawine erfasst zu werden, war für mich die brenzligste Situation – in den Bergen erlebt man so sehr wie kaum irgendwo die Dominanz der Naturgewalten.
Blacha an der Annapurna I
Ich muss immer wieder bewusst neu entscheiden, welche Risiken ich bereit bin, in Kauf zu nehmen, wofür ich meine Lebenszeit aufwenden möchte und wofür nicht.
Wer denkt schon im Straßenverkehr an die Unfallstatistik der gewählten Route oder überlegt sich bei einem gemütlichen Lebensstil mit der Packung Chips auf dem Sofa, wie viele Lebensjahre man sich durch seine Lebensführung wohl gerade selbst nimmt und ob es einem das wert ist?
_In welche Richtung hat sich aus deiner Sicht das Bergsteigen an den Achttausendern entwickelt?_
Anja 2024 auf dem Gipfel des Manaslu
Das Höhenbergsteigen hat sich in den letzten Jahren professionalisiert. Dazu gehört nicht nur das Verständnis von Routen, Wetter etc. , sondern auch die teamübergreifende Zusammenarbeit, wie beispielsweise durch die EOA-Nepal (Expedition Operators Association Nepal) vorangetrieben.
Je mehr und besser koordinierte Manpower am Berg ist, desto mehr profitieren alle. Das kontinuierlich wachsende Interesse an 8000er-Besteigungen ermöglicht diese Entwicklung erst.
Parallel werden die Sherpas immer bessere technische Bergsteiger, durchlaufen Aus- und Weiterbildungen, verfolgen eigene alpinistische Ziele oder gründen Expeditionsagenturen; in Pakistan läuft diese Entwicklung verzögert an.
Es ist lustig, wenn Sherpas dieser „neuen Generation“ auf Sherpas der „alten Garde“ zeigen – beispielsweise, wenn diese schwere Lasten tragen, und sagen: „Schau mal, das sind noch echte Sherpas.“
Das Leistungsverständnis von Sherpa-Support hat sich verschoben, also dessen, was als Leistung von einem Sherpa standardmäßig erwartet wird. Im Extremen habe ich eine Bergsteigerin erlebt, die am Gipfeltag nicht einmal mehr ihren eigenen Pickel getragen hat, und andere, die sich am kurzen Seil ziehen ließen, als die Kräfte oder Fähigkeiten für die nächste Passage nicht ausreichten.
Dies betrifft selbstverständlich nicht alle, und es gibt genauso auch starke und unabhängige Bergsteiger an den Achttausendern. Gleichermaßen haben auch früher schon Bergsteiger mit maximalem Support die Gipfel bestiegen. Es ist nur so, dass in meiner Beobachtung deutlich mehr Unterstützung als normal erachtet wird als früher. Und sich früher noch mehr Details aus den nach Hause gebrachten Geschichten herauseditieren ließen.
Fixseile an der Route Richtung Everest-Gipfel
Die Lager-Infrastruktur geht immer weiter zurück. Immer häufiger wird das bis anhin noch höchste Lager gar nicht mehr errichtet, und auch weiter unten am Berg werden einzelne Lager nach Möglichkeit übersprungen.
Das ist insbesondere dadurch getrieben, dass sich erstens die Expeditionszeit verringern lässt, wenn man statt langer Akklimatisierung lieber früher und mehr Flaschensauerstoff verwendet, zweitens die Lasten, die auf den Berg zu tragen sind, trotz des Mehr an Flaschensauerstoff dennoch unter dem Strich geringer sind, als wenn mehr Lager und mehr Rotationen versorgt werden müssen, und drittens sich die Risiko-Exposition verringert, wenn weniger Rotationen gemacht werden. Die Kehrseite sind die längeren Etappen, die zurückzulegen sind – gerade die Gipfeletappe.
Es gibt zunehmend Bergsteiger, die in einem Jahr das gut machbare Maximum an Bergen besteigen. Die 14 Achttausender sind mittlerweile, je nach Anspruch und Zielsetzung, weniger ein Lebensprojekt als ein Projekt über ein bis drei Jahre.
Alternativ dazu gibt es Sherpa-unterstützte Erstbesteiger kleinerer Berge oder anderer Routen, genauso wie Bergsteiger, die ihre ganz eigenen anspruchsvollen Projekte an den Achttausendern angehen.
Drei 8000er auf einen Blick: Everest, Lhotse, Makalu (v.l.n.r.)
Expeditionen profitieren auch von technologischen Entwicklungen. So finden Drohnen beispielsweise ihren Einsatz bei der Suche nach Vermissten oder dem Auskundschaften der Route durch einen Eisbruch. Cargo-Drohnen werden neuerdings am Everest eingesetzt, um Fixseile über den Eisbruch zu transportieren und Müll, der gesammelt wurde, den Berg hinabzutransportieren.
Das Thema Müll steht immer mehr im Fokus und ist mengenmäßig allein schon durch die Akkumulation über all die Jahre immer kritischer. So sind Expeditionen mittlerweile an vielen Bergen dazu angehalten, nicht nur ihren eigenen Müll hinunterzunehmen, sondern auch die Altlasten früherer Jahre mit abzubauen. So ganz gelingt es nur leider noch nicht.
Schließlich sind da noch die Helikopterflüge aufzuführen. Wie sehr deren Nutzung angestiegen ist, drückt sich wohl am deutlichsten in den Versicherungsprämien aus. Immer häufiger habe ich erlebt, dass Bergsteiger den Abstieg nur noch halbherzig miteinplanen. Ein Heli von Lager 2 oder 3 zurück ins Basislager ist bequemer und sicherer. Streng nachhalten tut das ohnehin niemand; nur die Himalayan Database ergänzt einen entsprechenden Vermerk, wenn ihnen die Heli-Nutzung bekannt wird.
So sehr die hochqualifizierten und verfügbaren Helikopterpiloten auch ein Gewinn für wirkliche Krisenfälle sind, so sehr sind sie auch Treiber für höhere Risikobereitschaft, Überschätzung oder Bequemlichkeit von Bergsteigern. Entsprechend schaue ich mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklung in Pakistan, wo Helikopterrettungen zukünftig deutlich günstiger und mit besseren Piloten und Helikoptern durchgeführt werden sollen.
_Du warst immer mit kommerziellen Veranstaltern unterwegs. Juckt es dich nicht, mal komplett auf eigene Faust loszuziehen?_
Zunächst müsste ich besser verstehen, wie sich kommerzielles Bergsteigen von anderem Bergsteigen exakt abgrenzt. In deinem Blog finde ich hierzu keine schlüssige Antwort. Wenn ich Basislager-Support habe und Fixseile verwende, werde ich als Teil kommerzieller Teams beschrieben. Wenn jemand anderer in diesem Setup unterwegs ist, wird er bisweilen als distinkt _(klar und deutlich abgegrenzt)_ von kommerziellen Teams beschrieben, um nur ein Beispiel zu nennen.
Anja Blacha 2025 auf dem Gipfel des Dhaulagiri
In jedem Fall kann ich sagen, dass ich die Projekte in der Form angehe, wie es für mich persönlich zum jeweiligen Zeitpunkt stimmt und so zumindest meinen eigenen Ansprüchen genüge tue.
Für mich ist es insbesondere bei dieser kaum bis gar nicht reglementierten Risikosportart wichtig, nach meiner eigenen Leistungs- und Risikobereitschaft zu entscheiden. Zu schnell kann ein ambitioniertes Projekt tödlich enden – schade, wenn dann die primäre Motivation war, einer äußeren Erwartungshaltung gerecht zu werden.
Im Gegensatz zu anderen Sportarten, in denen besonders riskante Übungen verboten werden, um Athleten vor einem Drang nach Bestleistung um jeden Preis zu schützen, gibt es im Bergsport solche Regeln praktisch nicht. Eigenverantwortung steht an erster Stelle.
_DeineSüdpolexpedition zur Jahreswende 2019/20 stand unter dem Motto „Not bad for a girl“. Auch das Höhenbergsteigen war lange als Macho-Sport verschrien. Wie erlebst du das?_
Frauen sind weiterhin in der Minderheit, aber ihr Anteil steigt, was ich eine begrüßenswerte Entwicklung finde. Sie bringen ihre ganz eigenen Qualifikationen mit, von denen sie am Berg profitieren und mit denen sie die Teams bereichern.
Alleine, ohne Unterstützung von außen legte Anja die 1381 Kilometer bis zum Südpol zurück, auf Skiern, ihren anfangs 100 Kilogramm schweren Schlitten hinter sich her ziehend
_Kannst du heute noch unerkannt auf die Straße gehen?_
Absolut, und so sehr meine letzten Lebensjahre auch in und mit den Bergen stattgefunden haben, hängt meine Identität als Mensch trotzdem nicht von den Bergen ab. Das ist ein Freiheitsgrad, den ich mir gerne erhalte.
_Hast du schon eine Vorstellung davon, was kommen könnte, wenn das letzte Achttausender-Kapitel hinter dir liegt?_
Ich finde es spannend, dass die Frage des „Was kommt als Nächstes?“ praktisch immer gestellt wird, sich gleichzeitig aber – mindestens in anderen Medien – gerne über „Ankündigungsalpinismus“ echauffiert wird.
Derzeit bin ich noch mitten in der Besteigung der 14 Achttausender. Ob und wann ich dieses Projekt abschließen kann, ist damit noch offen.
Davor, dass mir langweilig wird, habe ich keine Sorge. Auch jetzt verbringe ich ja nur einen Teil des Jahres auf Expedition. Überhaupt ist mein Erleben, dass je mehr ich von der Welt sehe und kennenlerne, umso mehr spannende Themen und Ziele entdecke. So ist gewissermaßen jeder Gipfel Aussichtspunkt und bisweilen Sprungbrett hin zu neuen Horizonten. https://abenteuer-berg.de/achttausender-bergsteigerin-anja-blacha-meine-identitaet-haengt-nicht-von-den-bergen-ab/