loading . . . Hohe Energiepreise: Droht Europas KI-Rennen zu scheitern? Europa will im Bereich Künstliche Intelligenz mit den USA und China mithalten. Steigende Strompreise könnten diese Pläne jedoch massiv ausbremsen.
Vor allem energiehungrige Rechenzentren reagieren empfindlich auf hohe Kosten – und genau dort setzt der wachsende KI-Boom an.
Teure Energie als Standortnachteil für Rechenzentren
Die EU versucht, ihre Kapazitäten für Rechenleistung auszubauen und die dafür nötige Infrastruktur zu schaffen. KI-Rechenzentren verbrauchen jedoch enorme Mengen Strom, weshalb Investitionen stark von den Energiekosten abhängen. Europas Preise steigen derzeit deutlich, auch im Zuge des Krieges zwischen den USA und Iran.
Fachleute erwarten, dass neue Rechenzentren in Regionen mit niedrigeren Strompreisen wandern und sich dadurch Gewinner und Verlierer innerhalb Europas herausbilden. Michael Brown, globaler Investmentstratege bei Franklin Templeton, rechnet mit stark auseinandergehenden Energiekosten weltweit. Wer in energieintensive Projekte investiere, gehe dorthin, wo Strom am günstigsten sei. Ein neues Rechenzentrum im Wert von 7 Milliarden US-Dollar (rund 6,4 Milliarden Euro) würde er eher in den USA oder China bauen.
Olivier Darmouni, Associate Professor an der HEC Paris mit Schwerpunkt Energiewende, verweist auf ein wieder erwachtes Interesse an der Elektrifizierung der Wirtschaft nach der jüngsten Iran-Krise. Seine Berechnungen zeigen, dass das schnelle Wachstum von Rechenzentren die regionalen Strompreise in besonders gefragten Gebieten um 20 bis 40 Prozent erhöhen könnte – etwa in Texas und Virginia in den USA oder in Slough im Vereinigten Königreich und in Paris.
Darmouni bezeichnet KI als „Weckruf“, die Energieversorgung als Frage wirtschaftlicher Souveränität zu betrachten. Bezahlbarkeit, Inflation, Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen und technologische Führungsrolle in der KI seien ohne Reform des Energiesystems nicht zu erreichen.
Laut Internationaler Energieagentur lagen die Strompreise für energieintensive Industrien in Europa im vergangenen Jahr im Schnitt etwa doppelt so hoch wie in den USA und rund 50 Prozent über denen in China und Indien. Rechenzentren verbrauchen inzwischen 2 Prozent des weltweiten Stroms, nach 1,7 Prozent im Jahr 2024, so ein Bericht der International Data Center Authority (IDCA). Politischer und gesellschaftlicher Widerstand gegen Rechenzentren nehme deutlich zu, sobald sie mehr als 5 Prozent des nationalen Stromverbrauchs ausmachen. Der Bericht nennt die USA mit fast 6 Prozent, das Vereinigte Königreich mit 5,8 Prozent und Singapur mit 19,5 Prozent.
Europa hängt bei Tempo und Kosten zurück
Chris Seiple, Vizechef der Strom- und Erneuerbaren-Sparte bei Wood Mackenzie, sieht drei Gründe, warum Europa beim Ausbau von Rechenzentren zurückliegt: hohe Energiekosten, der geografische Standort der Unternehmen und die langsame Realisierung von Projekten inklusive Netzanschluss. Diese Faktoren machten Europa zu einem schwierigeren Markt für neue Rechenzentren.
Die EU verfolge zwar einen Plan, ihre Rechenkapazität und Rechenzentren zu erweitern. Darmouni betont aber, die Staaten müssten entscheiden, ob sie wirklich technologische Führung in der KI anstreben. Ohne sehr viele zusätzliche Rechenzentren sei das nicht möglich. Verglichen mit den USA liege das Ausbauverhältnis bei etwa 1 zu 100, Europa sei deutlich im Rückstand. Um aufzuschließen, wären nochmals höhere Investitionen nötig.
Vladimir Prodanovic, leitender Programm-Manager bei Nvidia, erklärte bei einer Konferenz in Dänemark, der „mittlere Teil Europas“ habe das Rennen bereits verloren. Als Gründe nannte er unter anderem hohe Strompreise in Deutschland und im Vereinigten Königreich. Nach Zahlen der Internationalen Energieagentur lag der durchschnittliche Strompreis im Mai im Vereinigten Königreich bei 111,65 US-Dollar (rund 102,40 Euro) pro Megawatt, in Deutschland bei 88,97 US-Dollar (rund 81,55 Euro), in Frankreich bei 44,19 US-Dollar (rund 40,52 Euro) und in den USA bei 28 US-Dollar (rund 25,70 Euro).
Wie die EU verfolgt auch das Vereinigte Königreich einen Ausbauplan für Rechenzentren. OpenAI hat sein dort geplantes Stargate-Projekt jedoch vor Kurzem auf Eis gelegt, unter anderem wegen der Energiekosten und aufgrund regulatorischer Bedenken. Darmouni rechnet damit, dass KI-Modelle ihre Preise künftig stärker differenzieren werden. Nutzer:innen von Diensten wie Claude AI des Anbieters Anthropic müssten in Ländern mit hohen Energiekosten dann möglicherweise mehr zahlen. Viele Unternehmen fürchteten langfristig eine Preisdiskriminierung bei KI-Diensten, die mit Stromkosten zusammenhänge, da Elektrizität die maßgebliche Grenzkostenkomponente sei.
Gewinner im Norden und in Frankreich
Als potenzielle Gewinner der KI-Investitionen gelten häufig die nordischen Länder und Frankreich. Sie profitieren von vergleichsweise niedrigen Strompreisen und einem diversifizierten Energiemix. Prodanovic sieht aktuell Norwegen an der Spitze, dort seien nahezu alle großen KI-Unternehmen aktiv. Außerdem beobachtet er eine Verlagerung nach Dänemark und Schweden.
Zu den großen Technologieunternehmen, die massiv in den Norden investieren, gehört Microsoft. Der Konzern hat mit Nscale ein Abkommen über 6,2 Milliarden US-Dollar (rund 5,68 Milliarden Euro) zum Aufbau von KI-Infrastruktur in Norwegen geschlossen, plant eine Erweiterung in Schweden über 3,2 Milliarden US-Dollar (rund 2,93 Milliarden Euro) und will zwischen 2023 und 2027 rund 3 Milliarden US-Dollar (rund 2,75 Milliarden Euro) in Rechenzentrumskapazitäten in Dänemark stecken.
Der Wirtschaftsoziologe Vili Lehdonvirta von der Oxford Internet Institute beschreibt, dass die nordischen Länder an niedrige Strompreise gewöhnt seien. In Finnland komme es im Winter teils zu negativen Preisen, bei denen Versorger Verbraucher:innen Geld zahlen, wenn sie Strom abnehmen. Viele hätten sich daran gewöhnt und könnten beispielsweise ihre Sauna den ganzen Tag heizen und dabei sogar Geld verdienen.
Darmouni sieht Frankreich aufgrund seiner führenden Rolle in der europäischen Kernenergie im Vorteil. Günstigere Elektrizität sei aber nur ein Kriterium. Entscheidend sei auch, welches Land bereit sei, neue Stromquellen aufzubauen. Europa brauche eine weit stärkere Integration über nationale Grenzen hinweg, etwa bei Übertragungsnetzen und Speichern, um ein möglichst einheitliches Strompreisniveau zu erreichen. In Regionen wie dem Vereinigten Königreich, Skandinavien, der Iberischen Halbinsel und Italien erschwere die geografische Lage diese Integration. Frankreich und Deutschland seien dank ihrer Nachbarschaft deutlich enger verknüpft.
Ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage, verbunden mit steigenden Entwicklungskosten, wird die Lage zusätzlich beeinflussen. Nach Untersuchungen des Immobilieninvestors CBRE sollen die Kosten für die Sicherung von Rechenzentrumskapazitäten in den fünf größten europäischen Märkten – Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin – im Jahr 2026 um 12 Prozent steigen.
Via: https://www.cnbc.com
Titelbild: KI (zur Illustration) http://dlvr.it/TSbdwG