loading . . . Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln ## Die Tagung
Vom 18. bis zum 20. Juni 2026 hat der Dokumentations- und Lernort Bückeberg gemeinsam mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und dem Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover nach Hameln in die Räume des Zedita geladen. Der Titel der Tagung stellte eine Frage: »Die NS-Gesellschaft als ›Volksgemeinschaft‹? Inszenierungen, soziale Praxis und Handlungsspielräume«. Das Fragezeichen war Programm.
Im Zentrum stand nicht der Begriff als Etikett, sondern die Prozesse hinter ihm: die propagandistischen Inszenierungen, die lokalen Handlungsspielräume, die soziale Praxis, in der aus einem Wort gesellschaftliche Wirklichkeit wurde. Dabei richtete sich die Tagung an ein bewusst breites Publikum: an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niedersächsischer Gedenkstätten und Erinnerungsorte, an Geschichtsinitiativen, an Forschende, Studierende sowie an Schülerinnen und Schüler. Geschichtswissenschaft und historisch-politische Bildung saßen drei Tage lang am selben Tisch.
Was an diesen drei Tagen zusammenkam, lässt sich hier nur in Ausschnitten nachzeichnen. Das Tagungsprogramm verzeichnet die Vorträge, die parallelen Workshops, das Podium und die Exkursionen vollständig, getragen von Beiträgen aus Forschung und Bildungsarbeit gleichermaßen; die folgenden Notizen greifen einzelne Fäden heraus.
Eine Besonderheit der Konferenz bestand in der Art und Weise, in der unser Tagungsort das Thema trug: Auf dem Bückeberg bei Hameln inszenierten die Nationalsozialisten von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹, eine der größten Massenveranstaltungen des Regimes: ein medial verwertbares Bild einer scheinbar geschlossenen ›Volksgemeinschaft‹, erzeugt, um die Gesellschaft zu spalten und auf den Krieg vorzubereiten. Wer über die Herstellung von Gemeinschaft sprechen will, findet hier ihre Landschaft gewordene Infrastruktur.
## Auftakt und Rahmung
Drei Vorträge eröffneten die Tagung und markierten zugleich drei Achsen. Felix Berge (Universität der Bundeswehr München) unternahm unter dem Titel »Wozu ›Volksgemeinschaft‹? Eine historiographische Ortsbestimmung« die begriffliche Vermessung des Geländes. Linda Conze (Kunstpalast Düsseldorf) wandte sich mit »Das Fest und die Fotografie« der bildlichen Inszenierung zu. Und Bernhard Gelderblom (Freier Historiker, Hameln) zeichnete mit »Der lange Weg zum Dokumentations- und Lernort Bückeberg« die lokale Achse nach, die Geschichte des Erinnerungsortes selbst.
Das Zedita im Bahnhof von Hameln – ein bemerkenswerter Tagungsort (Foto: Rass)
Den Rahmen für unseren Austausch setzte der erste Vortrag. Berge führte den Leitbegriff zurück zu seiner Entstehung im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik und zeichnete die Forschungsdebatten der zurückliegenden Jahrzehnte nach, von der frühen Sozialgeschichte bis zu jener Konjunktur, die die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Praxis fasste und sich in den Sammelbänden um 2009 und 2013 verdichtete. Dabei wog er ab, was der Begriff bedeutet und wo er an seine Grenzen stößt. Seine Ausführungen konturierten ein Koordinatensystem für die kommenden Tage.
## Ein Workshop zur Osnabrücker Gestapo-Kartei
Einen anderen Zugang zu denselben Fragen erprobte am selben Donnerstagnachmittag ein Workshop aus der Forschung des Verfassers: nicht über die Inszenierung, sondern über die Verwaltung. Gegenstand war die Zentralkartei der Staatspolizeistelle Osnabrück, heute im Niedersächsischen Landesarchiv, eine der nur sechs substantiell überlieferten Karteien einer regionalen Gestapo-Dienststelle im Deutschen Reich.
Die Kartei wurde allerdings bereits 1928 von der Politischen Polizei Preußens im Rahmen einer Verwaltungsreform angelegt. Erst 1933 übernahm die Gestapo das Instrument und führte die Kartei bis Kriegsende fort. Im DFG-Projekt »Überwachung. Macht. Ordnung.« konnten wir diese Kartei vollständig digital erschließen, sodass nun ein Datenmodell granulare Analysen nicht nur der in diesem Konvolut dokumentierten Opferschicksale, sondern vor allem auch des Täterhandelns ermöglicht. Der Workshop nutzte dieses Potential und bewegte sich zwischen der Interpretation einzelner Karten und der Einordnung der Befunde in die größeren Strukturen arbeitsteiliger Herrschaftsproduktion im Regierungsbezirk Osnabrück.
Nutzung des NS-Haftsystems durch die Gestapo Osnabrück (Abbildung: Christoph Rass)
Der Befund lenkt den Blick auf zwei dem Gestapo-Apparat vor- bzw. nachgelagerte Handlungsfelder. Vorgelagert werden Akteure sichtbar, die Zuarbeit leisteten: Das Verfolgungswissen kam nicht zuerst von der Partei oder aus dem Gestapo-Apparat selbst, sondern auch stark aus Verwaltung und Wirtschaft, vom Arbeitsamt, von Firmen, von Landräten und Bürgermeistern; die private Denunziation, in der Erinnerung oft das Sinnbild der Gestapo, rangiert dahinter. Als ebenso nachrangiger Akteur erweist sich die NS-Partei. Nachgelagert konnten wir den Vollzug von Haftstrafen beobachten und das Ineinandergreifen von Institutionen wie Polizeigefängnis, Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager dabei. Dazwischen positionierte sich die Osnabrücker Gestapo als Scharnier oder Schaltstelle. Sie erzeugte das Wissen nicht, sie sammelte es und machte es zur Grundlage ihres Verfolgungshandelns, das nicht selten durch Anforderungen dritter Akteure ausgelöst wurde. Das sich so ergebende Bild erwies sich zudem als stark dynamisch: In der Kriegsphase entfielen fast zwei Drittel der benannten Haftereignisse auf die Diskriminierung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern – aus der Geheimpolizei zur Verfolgung politischer Gegner wurde der Repressionsdienstleister des NS-›Arbeitseinsatzes‹.
Das ist mit ›doing Volksgemeinschaft‹ gemeint (Bondzio 2021). Die Verfolgten wurden nicht durch einen einzelnen, entfesselten Akteur in das System geschleust, sondern durch das Zusammenwirken einer ganzen Gesellschaft: Ämter, Betriebe, Kommunen, Nachbarn. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist hier keine Stimmung und kein Bekenntnis, sondern eine Praxis, und die Kartei verzeichnet sie Vorgang für Vorgang (Rass 2026). Auch die Form des Workshops folgte diesem Gedanken: Drei Gruppen erarbeiteten je eine Perspektive, die Zuarbeit, die Haftwege, die Sprache der Kartei, und erst im Plenum fügte sich das Bild zusammen.
## Auf dem Bückeberg
Am Freitagnachmittag führte eine Exkursion an den Ort selbst. Was Bernhard Gelderblom im Eröffnungsvortrag als langen Weg zum Lernort beschrieben hatte, war nun zu begehen: das Gelände, auf dem von 1933 bis 1937 die ›Reichserntedankfeste‹ inszeniert wurden. Unter der Leitung Albert Speers war der Hang in fünf Jahren zu einer gleichmäßig geneigten Fläche planiert worden, in der angedeuteten Form eines Amphitheaters: unten die Rednertribüne, oben die Ehrentribüne, dazwischen der Mittelweg, Hitlers ›Laufsteg‹ durch die Massen. Der Ort selbst ist das wichtigste Exponat, wie uns Jan Waitzmann und Aljoscha Napp im geführten Rundgang nachdrücklich verdeutlichten.
_Blick über das ehemalige Festgelände (Foto: Rass)_
Der Dokumentations- und Lernort, 2022 eröffnet, macht das sichtbar, ohne den historischen Ort nachzubauen. Der Grundsatz der Aufarbeitung ist Zurückhaltung: kein Gebäude, keine größeren Eingriffe, keine Rekonstruktion. Gemähte Graswege führen über rund 1,3 Kilometer zu sechs Informationsinseln; eine Gehölzpflanzung markiert den Standort der früheren Rednertribüne, über die Betonfundamente der Ehrentribüne führt ein begehbarer Steg. Wo das Regime monumentalisierte, dokumentiert der Ort; der zurückhaltende Entwurf erhielt 2022 eine Auszeichnung beim Niedersächsischen Staatspreis für Architektur.
Eine der sechs Informationsinseln (Fotos: Rass) Das Wesertal als Kulisse der Inszenierung)
Das ist mehr als eine gestalterische Entscheidung; es ist ein didaktisches Argument. Der Ort führt vor, was der Workshop an der Kartei und das Podium an den Begriffen verhandelten: dass ›Volksgemeinschaft‹ hergestellt wurde, hier mit Erdbewegungen, Tribünen und einer Choreografie der Massen. Wer die Herstellung von Gemeinschaft verstehen will, muss diesen Hang einmal hinaufgegangen sein.
Die NS-Erntedankfest Anlage auf dem Bückeberg im Modell by nghm@uos on Sketchfab
## Eine Podiumsdiskussion zieht Bilanz
Das Abschlusspodium begann nicht mit einer These, sondern mit einem Ausschnitt aus dem NDR. Am selben Wochenende, am 19. Juni 2026, hatte der AfD-Kreisverband Northeim seinen Kreisparteitag in der Stadthalle Moringen abgehalten, nur wenige Meter von der dortigen KZ-Gedenkstätte entfernt. Rund 600 Menschen protestierten, ein Aufzug führte bis zur Gedenkstätte. Der Kreisverband gilt als extrem rechts und pflegt enge Kontakte zu Björn Höcke. Die Aktualität der Auseinandersetzung liegt an diesem Nachmittag auf der Hand.
Moderiert von Aljoscha Napp, dem pädagogischen Leiter des Lernorts Bückeberg, fragte das Podium, wozu das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in der historisch-politischen Bildung überhaupt taugt. Drei Perspektiven trafen aufeinander, und sie ergänzten sich eher, als dass sie sich widersprachen.
Wozu taugt noch das Konzept ›Volksgemeinschaft‹ in Vermittlung und Praxis – Thema der abschließenden Podiumsdiskussion (Foto: Michael Gander)
Elke Gryglewski, die die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und die Gedenkstätte Bergen-Belsen leitet, machte den Einwand der Praxis stark. ›Volksgemeinschaft‹ sei ein anonymisierender und ein statischer Begriff: eine amorphe Masse, hinter der sich Verantwortung verbergen lasse, und ein Etikett, das Wandel und Handlungsspielräume schlecht abbilde. In der Bildungsarbeit brauche es Konkretisierung. Dabei sei Niedersachsen ein Glücksfall, weil sich die Radikalisierung der Verfolgungspolitik hier als Prozess an konkreten Orten zeigen lasse, nicht als Sprung von 1933 zum Massenmord. Und Täterschaft müsse aufgebrochen werden, bis zur Mitwisserschaft und zu den ganz alltäglichen Funktionen im Apparat. Wer Quellen nur zur Illustration benutze, ohne sie zu dekonstruieren, reproduziere am Ende die Bilder, die er erklären wollte.
Wiebke Hiemesch, Erziehungswissenschaftlerin und pädagogische Leiterin des ZeitZentrums Zivilcourage in Hannover, berichtete von einem Ort, der den Begriff bewusst meidet. Das ZeitZentrum rahmt seine Lebensgeschichten unter dem Titel ›hannoversche Stadtgesellschaft‹, nicht unter ›Volksgemeinschaft‹, und arbeitet mit der Leitfrage »mitmachen oder widerstehen«, ergänzt um die Frage, was überhaupt möglich war. Ihr Vorbehalt war doppelt: Der Begriff verführe zur Unterkomplexität, und er reproduziere womöglich genau den Mythos, den die Forschung gerade dekonstruiert. Zugleich erinnerte sie daran, dass ›Volksgemeinschaft‹ kein bloßer historischer Quellenbegriff ist, sondern eine Idee, die gegenwärtig Wirkung entfaltet. Und sie benannte einen quellenkritischen Preis: Wer über die Produktion von Gemeinschaft arbeite, erreiche die Perspektive der Ausgeschlossenen oft schwerer.
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Die Professur NGHM hat unter der Leitung von Imke Selle und Jessica Wehner bereits mehrere Exkursionen zum Zeitzentrum Zivilcourage angeboten. Dabei wurden unter anderem die Ausstellung ausführlich besucht oder Workshops zu Radikalisierung und Rechtsextremismus durchgeführt.
> Hin und wieder zurück | Exkursion ins ZeitZentrum Zivilcourage Hannover
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Aljoscha Napp brachte aus der Bückeberg-Praxis den Zugang über den Gemeinschaftsbegriff ein: Mit jungen Menschen darüber zu sprechen, was Gemeinschaft verspricht, öffne oft erst den Weg zu der Frage, was an Figur und System des Nationalsozialismus eigentlich faszinierte.
Die dritte Stimme, die des Verfassers dieses Beitrags, kam von der Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Migrationsforschung und formulierte den Vorschlag, ›Volksgemeinschaft‹ nicht als Zustand zu prüfen, sondern als Ergebnis eines kontinuierlichen Herstellungsprozesses zu lesen, als Produkt von Kategorisierung, Verwaltung und Gewalt. Auf dem Podium blieb dieser Gedanke ein Angebot unter anderen. Der folgende Essay führt diese Überlegungen als Diskussionsbeitrag zur theoretischen Rahmung weiter aus.
## Vom ›Doing‹ zur ›Produktion‹: Wie wird ›Volksgemeinschaft‹ gemacht?
Was die Forschung mit ›Volksgemeinschaft‹ adressiert, lässt sich noch einmal anders betrachten. Das Stichwort des Workshops, ›doing Volksgemeinschaft‹, weist diese Richtung; weitergedacht stellt sich für uns die Frage, wie sich Praktiken über den Ansatz der Produktion sozialer Fakten mit realweltlicher Wirkung lesen lassen. Im Osnabrücker Sonderforschungsbereich 1604 untersuchen wir die ›Produktion von Migration‹, nicht Migrantinnen und Migranten als gegebene Gruppen, sondern die Verfahren, Diskurse und Institutionen, die solche Gruppen überhaupt erst hervorbringen. Auf die ›Volksgemeinschaft‹ gerichtet, öffnet diese Herangehensweise einen anderen Blick.
Am Anfang einer solchen Annäherung steht eine Entnaturalisierung. Soziale Kategorien sind nicht vorgegeben, sondern Ergebnis von Diskursen, Verfahren und Institutionen. Damit verschiebt sich die Leitfrage. Die ältere Debatte stritt darüber, ob es die ›Volksgemeinschaft‹ als soziale Realität gegeben habe oder nur als Mythos. Beide Lager dieser Debatte teilten eine Annahme: Sie behandelten die Gemeinschaft als Gegenstand, dessen Realitätsgehalt sich bestimmen ließe. Verlassen wir diese Annahme, wird die ›Volksgemeinschaft‹ vom Erklärenden zum Erklärungsbedürftigen. Sie ist dabei kein Mythos, sondern ein Ideologem: eine Idee, die in bestimmter Weise hergestellt wurde, um Gesellschaft zu ordnen, und die sich sehr unterschiedlich mobilisieren ließ.
Hergestellt wurde damit soziale Ordnung nicht zuletzt über Figuren, die implizit oder explizit stets paarweise auftreten. Den ›Volksgenossen‹ und die ›Volksgenossin‹ gibt es nur gepaart mit der oder dem ›Gemeinschaftsfremden‹; beide entstehen im selben Akt und brauchen einander. Reinhart Koselleck hat solche asymmetrischen Gegenbegriffe beschrieben (Koselleck 1979): ein ›Wir‹, das sein ›Nicht-Wir‹ zugleich erzeugt und entwertet. Manchmal stehen beide Figuren ausdrücklich in den Quellen. Oft ist die eine nur als Schatten der anderen anwesend. Sie aber auch dort zu sehen, wo sie nicht genannt wird, gehört zu unserer Forschungsdisziplin. Denn dass diese Abwesenheit kein Zufall der Überlieferung ist, sondern hergestellt, hat Michel-Rolph Trouillot gezeigt: Das Verschweigen beginnt bereits dort, wo aus Geschehenem Quelle wird (Trouillot 1995), und genau deshalb gehört die ungenannte Figur nicht an den Rand, sondern in den Befund.
Auch an anderer Stelle kann uns der Ansatz der Produktion sozialer Ordnung helfen, den Blick zu schärfen, wenn wir Inklusion und Exklusion nicht als zwei Zustände lesen, die sich binär verorten, sondern als stets koproduzierte Abstufungen auf einem Kontinuum der Zugehörigkeit. Der Ausgeschlossene steht nicht außerhalb der Ordnung, er bleibt in sie eingeschlossen, gerade indem sie ihn ausschließt. Giorgio Agamben nennt diese Operation eine einschließende Ausschließung (Agamben 1995). Die Migrationsforschung fasst dieselbe Logik über Paul Mecherils ›natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit‹ (Mecheril 2003), eine Ordnung, die Menschen in ein ›Wir‹ und ein ›Nicht-Wir‹ sortiert und Zugehörigkeit prekär macht. Soziale Ordnung entsteht über Operationen, die ein- und ausschließen. Die Idee einer Gemeinschaft ist dabei ein mobilisierbarer Operator.
Die Produktion sozialer Ordnung wiederum braucht Apparate. Die ›Volksgemeinschaft‹ produzierte sich weder allein auf Parteitagen noch allein auf dem Bückeberg, der selbst Infrastruktur und Medium war. Sie wurde in Ämtern und auf Papier hergestellt: in Meldekarteien, Erbkarteien und Sippenakten, ebenso aber auch in Tagebüchern, Fotos und Denkmälern. Wie das praktisch aussieht, lässt sich an einem schlichten Vorgang zeigen. Eine Karteikarte, auf der eine Rubrik angekreuzt wird, macht in einem einzigen Verwaltungsakt aus der einen Person eine ›Volksgenossin‹ und aus der anderen eine ›Gemeinschaftsfremde‹. Nicht die Karte hält fest, wer dazugehört: Sie stellt die Zugehörigkeit erst her, und dieser Statusfestschreibung blieben Mobilisierbarkeit, Aufrufbarkeit. Ob jemand zum ›Volksgenossen‹ wurde, entschied sich also nicht allein im eigenen oder im kollektiven Zugehörigkeitsgefühl, sondern in einer Akte. Letztlich hat 1933 eine soziale Gruppe den Staat übernommen und mit ihm dessen Klassifikationsmacht (Bourdieu 1982); im NS-Staat wurde Teilhabe an dieser Macht, das Mitsortieren der anderen, zu einem Weg, um die eigene Zugehörigkeit zu reklamieren. Unter die Klassifizierenden eingeordnet zu werden, bot Potenzial für den Erwerb von sozialem Kapital, und zu klassifizieren stabilisierte die Zugehörigkeit.
Diese imaginierte Gemeinschaft der NS-Gesellschaft machte sich also selbst, letztlich mit brutaler Gewalt: Boykott, Denunziation, Pogrom, Mord waren nicht Folgen einer bereits bestehenden Gemeinschaft. Es waren die Akte, in denen sie sich überhaupt erst hervorbrachte. Wenn in der Forschung vom Mitmachen die Rede ist, meinen wir eine Mitmachveranstaltung mit tödlichem Ausgang.
Sich an diesem Prozess zu beteiligen oder ihm ausgeliefert zu sein, blieb nicht folgenlos. Es verändert nicht nur die soziale Position, sondern auch das Handeln. Ian Hacking hat das die Rückkopplung des ›making up people‹ genannt (Hacking 1986): Wer benannt wird, verändert sich, und die veränderten Menschen verändern wiederum die Kategorie. Das gilt für die Ausgeschlossenen ebenso wie für jene, die sich durch Akzeptanz, Zuschauen und Täterschaft positionierten. Auch sie wurden zugerichtet, in Rollen und Figuren, in die sie sich selbst hineinreklamierten.
Aus solchen Überlegungen ergeben sich rasch auch Ableitungen für unseren Umgang mit Sprache. Rogers Brubaker und Frederick Cooper unterscheiden zwischen Kategorien der Praxis und Kategorien der Analyse (Brubaker/Cooper 2000). ›Volksgemeinschaft‹ ist eine Kategorie der Praxis, ein Quellenbegriff, kein Analysebegriff. Das Wort gehört den Täter:innen. Die Aufgabe der Forschung ist die Analyse seiner Herstellung, nicht die reproduzierende Übernahme. Mit Émile Durkheim ließe sich formulieren: Der eigentliche soziale Tatbestand (Durkheim 1895) ist nicht die ›Volksgemeinschaft‹, sondern der Herstellungsprozess in seiner Macht.
Solche Überlegungen sind keine Begriffsgeschichte um ihrer selbst willen. Die Ideologeme der NS-Zeit begleiten uns noch immer, auch wenn sie sich in andere Begriffe kleiden. Armin Nassehi hat in seinem Briefwechsel mit Götz Kubitschek (geführt 2014, veröffentlicht 2015) den Kern rechten Denkens darauf zurückgeführt, dass menschliche Existenz nur noch als unhintergehbare Gruppenexistenz vorstellbar werde (Nassehi 2015). Über diesen Befund lässt sich zuspitzen: Diese Gruppe wird ethnisch, kaum verhüllt auch rassisch definiert, und sie funktioniert nach derselben Logik der einschließenden Ausschließung wie die historische ›Volksgemeinschaft‹.
Forschung und Vermittlung stehen damit vor einer gemeinsamen Herausforderung. Eine Produktionsperspektive bewährt sich erst dort, wo sie sich in eine Führung oder eine Unterrichtsstunde übersetzen lässt. Die Frage nach dem Apparat ist nichts anderes als quellennahe, konkrete Arbeit, wie die Gedenkstätten sie täglich leisten und wie sie der Workshop an der Osnabrücker Kartei vorgeführt hat; das Figurenpaar verlangt, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen, dort, wo nur der ›Volksgenosse‹ im Bild ist, ebenso wie dort, wo sein Opfer in den Blick genommen wird und der Täter abwesend scheint. Eine Schwierigkeit bleibt: Wer die Produktion von Gemeinschaft adressiert, kann Gefahr laufen, den Produzenten mehr Raum zu geben als den Ausgeschlossenen und der Stabilisierung sozialer Ordnung mehr Aufmerksamkeit zu schenken als deren Bruchstellen. Dagegen hilft ein ständiger Perspektivenwechsel. Die ›Volksgemeinschaft‹ ist nicht das Erklärende, die Produktion sozialer Ordnung mit Hilfe dieses Ideologems ist das, was erklärt werden muss.
## Literaturauswahl
* Agamben, Giorgio: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt am Main 2002 (it. 1995).
* Bondzio, Sebastian: Doing ›Volksgemeinschaft‹. In: Geschichte und Gesellschaft 47/3 (2021), S. 343–379.
* Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1982 (frz. 1979).
* Brubaker, Rogers / Cooper, Frederick: Beyond „Identity“. In: Theory and Society 29 (2000), S. 1–47.
* Durkheim, Émile: Die Regeln der soziologischen Methode (frz. Les règles de la méthode sociologique, 1895).
* Hacking, Ian: Making Up People. In: Thomas C. Heller u.a. (Hg.): Reconstructing Individualism. Stanford 1986.
* Koselleck, Reinhart: Zur historisch-politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe. In: ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main 1979.
* Mecheril, Paul: Prekäre Verhältnisse. Über natio-ethno-kulturelle (Mehrfach-)Zugehörigkeit. Münster/New York 2003.
* Nassehi, Armin: Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss. Murmann, Hamburg 2015.
* Rass, Christoph: Verfolgung als arbeitsteilige Praxis. Die Gestapo Osnabrück, das NS-Haftsystem und die ›Volksgemeinschaft‹ im Spiegel einer Karteiüberlieferung. In: Osnabrücker Mitteilungen (2026, eingereicht).
* Trouillot, Michel-Rolph: Silencing the Past. Power and the Production of History, Boston: Beacon Press 1995.
Christoph Rass
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Christoph Rass (24. Juni 2026). Produktion von ›Volksgemeinschaft‹. Notizen zu einer Tagung in Hameln. _NGHM@UOS_. Abgerufen am 25. Juni 2026 von https://nghm.hypotheses.org/47075
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