loading . . . O micie entuzjastycznej ludności cywilnej. Vom Mythos der unbeugsamen Zivilbevölkerung. Warschauer Aufstand 1944. Bewohner beim Verlassen der Stadt. Foto: NAC
Nach Auffassung zahlreicher Historiker hätten die Aufständischen der Heimatarmee ihren Kampf um die Befreiung Warschaus im Sommer 1944 ohne die Unterstützung seitens der Zivilbevölkerung niemals über zwei Monate lang durchhalten können. In den ersten Tagen berichtete die Führung der Heimatarmee nach London über die begeisterte Aufnahme des Aufstands durch die Bevölkerung. Als diese Begeisterung im Laufe der Tage und Wochen nachließ, zwangen die Aufständischen die Zivilisten mit Gewalt zum Bau von Befestigungsanlagen und zu Rettungsaktionen. Einige Kommandeure versuchten aus Sorge um die Moral der Kämpfer ihre Soldaten von der Zivilbevölkerung fernzuhalten, die die Heimatarmee für ihr Schicksal verantwortlich machte. In den meisten polnischen Darstellungen über den Warschauer Aufstand überwiegt in diesem Zusammenhang jedoch ein Heldennarrativ, der ein festes Bündnis zwischen Zivilisten und Angehörigen der Heimatarmee beim Kampf gegen die deutschen Okkupanten transportiert. Die Zivilbevölkerung kommt dabei oft nur am Rande vor, während die aktiven Kämpfer im Mittelpunkt stehen.
Die Publizistin Agnieszka Cubała, die bislang rund ein Dutzend Bücher zu verschiedenen Aspekten des Warschauer Aufstands verfasst hat, bemängelt, dass in den bisherigen Darstellungen zum Aufstand die Zivilbevölkerung kaum eine Rolle spiele, obwohl sie den höchsten Preis entrichtet habe.[1] Den höchsten Preis aller Beteiligten, ließe sich an dieser Stelle ergänzen. Bis heute ist jedoch umstritten, ob die Zivilbevölkerung tatsächlich am Aufstand „beteiligt“ war. Eine Grenze zwischen den Kämpfern der Heimatarmee und den „normalen“ Menschen ist oft schwer zu ziehen. Doch diese Grenze gab es und sie konnte über Leben und Tod entscheiden, wenn es etwa um die medizinische Versorgung ging. Cubała konstatiert weitere Privilegien der Soldaten der Heimatarmee bei der Versorgung mit Lebensmitteln, unter den Zivilisten herrschte Hunger und die Preise für die knappen Vorräte schossen in astronomische Höhen, und Wasser oder der Evakuierung aus umkämpften Gebieten durch die unterirdischen Kanäle der Stadt, die den Zivilisten nur in beschränktem Umfang zur Verfügung standen, was auf eine Zweiklassengesellschaft im umkämpften Warschau hindeutet.[2]
Warschauer Aufstand 1944. Friedhof in einem Hinterhof. Foto: NAC
Der Warschauer Historiker Andrzej Garlicki, der den Aufstand als Zehnjähriger miterlebte, konstatiert ebenfalls, dass über den Warschauer Aufstand bereits viel geschrieben wurde, die Tragödie der Zivilbevölkerung dabei jedoch im Schatten der heroischen Legende der aktiven Kämpfer blieb. Das Thema sei schwierig gewesen und daher zögerten polnische Historiker, sich damit zu befassen. In der Legende des Aufstands war kein Platz für die Zivilbevölkerung, Konflikte wurden ausgeblendet. Angesichts der anhaltenden Debatte über den Sinn des Warschauer Aufstands galten Untersuchungen zum Verhalten der Zivilbevölkerung als ein besonders heikles Thema. Die Engländerin Joanna Hanson befand sich aus emotionaler Sicht in einer besseren Situation, so Garlicki, was natürlich nicht bedeutete, dass die Geschichte Polens ausschließlich von Ausländern geschrieben werden solle.[3]
Erst 2004 erschien in polnischer Übersetzung Hansons Monographie _The civilian population and the Warsaw uprising of 1944_ aus dem Jahr 1982, in der die Verfasserin den Aufstand aus Sicht der Zivilbevölkerung schildert, wobei auch zahlreiche weitere Aspekte beleuchtet werden.[4] Die Verfasserin verweist zunächst auf die Schwierigkeit, von einer allgemeinen Haltung und Einstellung der Zivilbevölkerung zum Aufstand zu sprechen, da Warschau nicht als eine Einheit gekämpft habe, sondern in viele Einheiten zersplittert war, wo dann unterschiedliche Faktoren maßgeblich waren.[5]
Obwohl die Warschauer mit einer bewaffneten Aktion gegen die Deutschen rechneten, kam der Beginn des Aufstands für die meisten unerwartet und nicht alle verstanden sofort, was die ersten Schüsse zu bedeuten hatten. Der Anfang der Kämpfe war für die Zivilbevölkerung sehr ungünstig, meint Hanson, da sich die Menschen gerade auf dem Heimweg befanden oder ihre Einkäufe besorgten. Viele schafften es nicht mehr rechtzeitig nach Hause und waren bis zum Ende des Aufstands von ihren Familien abgeschnitten und hatten kein Dach über dem Kopf, darunter auch Kinder, die so von ihren Eltern getrennt wurden.[6]
Heroische Geschichten vom Freiheitskampf junger Frauen und Männer, die für ihre Träume und die Unabhängigkeit Polens in den Kampf gingen, zog die Aufmerksamkeit viel stärker auf sich als das Schicksal der Zivilisten. Dieses sei einfach nicht so attraktiv. Hinzu komme der Kampf um das Gedenken. In kommunistischer Zeit habe es eine Auseinandersetzung zwischen der Propaganda und Ideologie des Regimes und der kollektiven Erinnerung gegeben, dem Mythos vom Kampf um die Freiheit mit zwei Totalitarismen. Und da spielten die Aufständischen die Hauptrolle, nicht die Zivilisten, so Paweł Ukielski, der stellvertretende Direktor des Museums des Warschauer Aufstands.[7]
Die Geschichte der Zivilbevölkerung erschien späteren Generationen nicht heroisch genug, regte kaum patriotische Phantasien an und eignete sich vor allem wenig zur Schaffung von Mythen und Legenden, fasst Agnieszka Cubała zusammen. Zumindest einen gängigen Mythos zur Rolle der Zivilbevölkerung im Sommer 1944 gibt es. Dieser besagt, dass die Wut der Warschauer Zivilbevölkerung nach fünf Jahren brutaler Okkupation so groß war, dass sie sich am 1. August 1944 zum Aufstand gegen die deutschen Besatzer entschloss bzw. sich den Kämpfern der Heimatarmee anschloss und deren Entscheidung zum Losschlagen ohne Einschränkung begrüßte und von dieser Einstellung bis zur Kapitulation nicht abrückte. Bei Jerzy Kirchmayer heißt es in diesem Zusammenhang, die Zivilbevölkerung der Hauptstadt habe sich aktiv am Kampfgeschehen beteiligt. Ihre unbeugsame und opferbereite Haltung sei die Grundlage für das militärische Vorgehen der Aufständischen gewesen.[8] Die gesamte Bevölkerung habe über die gesamte Dauer des Aufstands entschlossen hinter den Kämpfern der Heimatarmee gestanden.[9]
Diesen Mythos bedient etwa Norman Davies im Vorwort zur polnischen Ausgabe seiner voluminösen Monographie zum Warschauer Aufstand. Er sei zwar nie beim Militär gewesen, aber wenn er sich als junger Bursche 1944 in Warschau befunden hätte, wäre er mit Sicherheit in die Reihen der Heimatarmee eingerückt.[10] Diese Aussage – weder verifizierbar noch falsifizierbar – ist im polnischen Aufstandsdiskurs die einzig mögliche.
Aber es gibt auch Stimmen, die die die Rolle der Zivilbevölkerung differenzierter beschreiben. Juliusz Burgin sieht die Zivilbevölkerung eher in einer passiven Rolle und demontiert den Mythos vom uneingeschränkten Schulterschluss zwischen ihr und den Aufständischen der Heimatarmee. Die Menschen hätten die wahren Gründe für den Befehl zum Aufstand nicht gekannt und die „Londoner“ den Blutzoll der Warschauer einkalkuliert und für ihr politisches Spiel nutzen wollen. Zwischen der Bevölkerung und den Konzepten der Führung der Heimatarmee sei ein tiefer Graben verlaufen.[11] Angesichts des Zeitpunkts und des Orts der Publikation dieser Einschätzung muss die Feststellung Burgins jedoch mit Vorsicht behandelt werden.
Doch auch Norman Davies sieht diesen Mythos rund zwanzig Jahre nach dem Erscheinen seiner Aufstandsmonographie kritisch. Die Zivilbevölkerung habe naturgemäß keinen Einfluss auf militärische Entscheidungen gehabt und sei gespalten gewesen. Von Anfang an wollte ein Großteil nicht am Aufstand teilnehmen, und im Laufe der Zeit wurden es immer mehr. Meinungsumfragen habe es damals noch nicht gegeben.[12]
Die Kampfhandlungen betrafen ausnahmslos alle Personen, die sich im Sommer 1944 in Warschau aufhielten, womit sich die Frage nach einer „Teilnahme“ eigentlich erübrigt. Zivilisten, die sich in ihren Kellern versteckten und nur an ihr eigenes Überleben dachten, wurden abfällig als Drückeberger (_dekownicy_) bezeichnet. Auch diese unterlagen den strengen Gesetzen des Aufstands und konnten von den Aufstandsbehörden zu Arbeitsleistungen gezwungen werden. Oft kam es vor, dass sie mit Gewalt zum Graben von Schützengräben oder zur Bergung von Einwohnern, die bei Bombenangriffen verschüttet worden waren, gezwungen wurden.[13]
Die obligatorische Heranziehung von Arbeitskräften für den Aufstand erwies sich im Laufe seiner Dauer zu einer Notwendigkeit. Zu diesem Zweck entstanden sogenannte Arbeitsbrigaden (_drużyny pracy_). Diese wurden vor allem in der Innenstadt als Hilfseinheiten für das Militär zur Instandhaltung der Infrastruktur ins Leben gerufen. Die dort Beschäftigten hatten einen sechsstündigen Arbeitstag und erhielten Vollverpflegung. Eine Arbeitspflicht galt für Männer zwischen 17 und 50 Jahren und für Frauen zwischen 17 und 40 Jahren. Diese Brigaden waren in der Bevölkerung jedoch nicht sehr beliebt.[14] Wer sich der Arbeit in den Brigaden verweigerte, musste mit Sanktionen rechnen.[15]
In Darstellungen zur Zivilbevölkerung während des Warschauer Aufstands wird häufig auf die Veränderungen der Haltung der Bevölkerung im Laufe der Tage und Wochen der Kämpfe verwiesen, von großer Euphorie bis hin zu Apathie oder sogar Feindseligkeit gegenüber der Heimatarmee. Bei Agnieszka Cubała heißt es zunächst, trotz großer Leiden, Entbehrungen und traumatischer Erlebnisse habe die Zivilbevölkerung Warschaus die Aufständischen bis zur Kapitulation unterstützt.[16] Wenige Seiten später räumt die Verfasserin hingegen ein, dass sich die Haltung der Zivilbevölkerung gegenüber den kämpfenden Soldaten im Laufe der Zeit grundlegend änderte. Diese Wandlung ließe sich mit „von Liebe zu Hass“ beschreiben.[17] Im Laufe der 63 Aufstandstage änderte sich die Stimmung in der Bevölkerung und es habe nicht an harscher Kritik gegenüber den Soldaten und vor allem der Führung der Heimatarmee, die den Befehl zum Losschlagen gegeben hatte, gemangelt, genauso wie an Beschuldigungen angesichts sinnloser Kampfhandlungen, der Zerstörung kultureller und wissenschaftlicher Güter und Werte, die über Generationen geschaffen wurden, sowie des Todes von Angehörigen und Freunden.[18]
Der Wehrmachtsoffizier Wilm Hosenfeld schreibt am 25. August in einem Brief an seine Ehefrau und seine Kinder: „Die Zivilbevölkerung muss ja Schreckliches durchmachen. Zum größten Teil ist sie nicht einverstanden mit dem Aufstand, aber sie wird terrorisiert und kann jetzt gar nicht mehr heraus. Von uns sind Aufrufe erlassen, daß sie sich aus dem Kampfgebiet entfernt, aber anscheinend werden sie [sic!] von den Aufständischen nicht herausgelassen.“[19] Auch diese Aussage, von einem deutschen Beteiligten an den Ereignissen im Sommer 1944, muss mit Bedacht behandelt werden. Andererseits war Hosenfeld, der seine Position nutzte, um vielen Warschauern zu helfen und ihnen damit nicht selten das Leben rettete, erinnert sei in diesem Zusammenhang an den Pianisten Władysław Szpilman, nicht dafür bekannt, in seinen privaten Aufzeichnungen Nazipropaganda zu kolportieren. Im Gegenteil, Hosenfelds Aufzeichnungen demonstrieren eine verblüffende Offenheit und Resistenz gegenüber dieser Propaganda. Sein Beispiel zeigt, was für einen Handlungsspielraum Wehrmachtsangehörige hatten, die unter den schwierigen Bedingungen des Krieges ihre Menschlichkeit bewahrten oder im Angesicht der deutschen Gräueltaten zurückgewannen. Hosenfeld starb 1952 nach schwerer Krankheit in einem Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Stalingrad, der SS-Mann Generalleutnant Heinz Reinefahrt, der bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands für schwerste Kriegsverbrechen und tausendfachen Mord an Zivilisten die Verantwortung trägt, legte als einer der vielen Mörder unter uns nach dem Krieg eine passable politische Kariere hin und saß etwa im Landtag von Schleswig-Holstein, ein Kunststück, das kein anderer SS-General fertigbrachte, und war Bürgermeister des Nobelbadeortes Westerland auf Sylt. Von der westdeutschen Justiz wurde Reinefahrt kaum behelligt. Es gelang ihm sogar, sich als Nazigegner zu inszenieren. Ein Auslieferungsantrag aus Polen wurde von den westdeutschen Behörden abgelehnt.[20]
Verschiedene Konfliktfälle zwischen Zivilpersonen und Angehörigen der Heimatarmee in den letzten Tagen des Warschauer Aufstands schildert der Historiker Janusz Marszalec: Am 25. August wandte sich eine Delegation von Zivilisten an Major Stanisław Błaszczak „Róg” mit der Forderung, ihren Stadtteil zu übergeben. Die Antwort fiel scharf aus: Wer versuchen würde, die Stellungen der Aufständischen zu passieren, würde erschossen werden. Die Zivilisten kehrten daraufhin in ihre Keller zurück. Nach drei Tagen kam es zu weiteren Vorfällen: Am 28. August hissten Zivilisten weiße Fahnen auf der Franziskuskirche in der Zakroczymska-Straße. An der Ecke der Miodowa- und der Senatorska-Straße versuchte eine Gruppe von Zivilisten, die Barrikade abzubauen, was jedoch durch das Eingreifen von Aufständischen verhindert wurde. In der Nacht versuchten einige Zivillisten, sich einen Weg durch die Barrikade in der Hipoteczna-Straße zu bahnen und auf die deutsche Seite zu gelangen. Am 31. August begann die Bevölkerung in den Morgenstunden, Delegationen zur Führung der Heimatarmee zu schicken, um die Kapitulation ihres Stadtteils zu erwirken. Gleichzeitig begann sie, weiße Fahnen zu hissen. Besonders problematisch war die Lage in der Bonifraterska-Straße, wo die Bevölkerung begann, die Barrikaden abzubauen. Der Kommandant dieser Stellung erwartete einen baldigen Angriff der Deutschen, der zur Zerstörung der gesamten Altstadt hätte führen können, und gab nach Warnschüssen eine Salve in die Menge ab. Es gab Tote und Verletzte. Die Lage wurde schließlich am Nachmittag des 31. August unter Kontrolle gebracht.[21]
In seinem Beitrag über die Warschauer Bevölkerung während des Aufstands in der Sonderausgabe des Politmagazins _Newsweek_ zum 80. Jubiläum des Aufstands zeichnet der Publizist und Historiker Kamil Janicki ein Bild vom Verhältnis von Zivilbevölkerung und den Angehörigen der Heimatarmee, das stark vom gängigen polnischen Heldennarrativ von der unbeugsamen Zivilbevölkerung abweicht. Janicki zitiert etwa den Warschauer Stadtkommandanten Generalleutnant Reiner Stahel mit den Worten, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung habe sich von den Aufständischen abgewandt und würde sogar deutschen Polizisten und Soldaten helfen. Auch der Chef des Generalgouvernements Hans Frank meldete nach Berlin, die Menschen würden die „Banditen“ [der Heimatarmee, KWM] nur unter Zwang unterstützen. In diesem Zusammenhang stelle sich die Frage, so Janicki, inwieweit solche deutschen Schilderungen glaubwürdig seien. In Polen rede man erst 75 Jahre nach dem Aufstand offen darüber, dass die Haltung der Zivilbevölkerung nicht so eindeutig positiv gewesen sei. Eine Reihe von Befehlen, Kommunikanten, Depeschen und Briefen lasse den Schluss zu, dass die Moral der Warschauer bereits in der ersten Woche stark nachließ. In einer Meldung aus der Altstadt vom 5. August hieß es, die Zivilisten würden nicht mehr helfen und weder Essen noch Wohnraum bereitstellen. Um gegenzusteuern und die einfachen Menschen auf Aufstandslinie zu halten, wurde ein Informations- und Propagandabüro (_Biuro Informacji i Propagandy_) geschaffen. Viele Warschauer unterstützten zwar weiterhin die einfachen Soldaten der Heimatarmee, aber dies gelte nicht für die Mehrheit der Bevölkerung. Ein Leutnant sagte aus, die Zivilisten hätten beim Anblick der Soldaten mit den weiß-roten Erkennungsarmbinden geschrien: Banditen! Dreckskerle! Verbrecher! Warum habt ihr uns das angetan? Im Stadtteil Muranów seien die Aufständischen der Heimatarmee mit Blumen begrüßt worden, jedoch zusammen mit Blumentöpfen, die ihnen Zivilisten aus den Fenstern auf die Köpfe warfen. Es habe einige Schwerverletzte gegeben. Als es im September endgültig keine Hoffnung mehr auf einen militärischen Erfolg des Aufstands gab, sei das Verhältnis zwischen Zivilbevölkerung und polnischen Soldaten in offene Feindschaft umgeschlagen. Der Schriftsteller Leszek Prorok, der als 25jähriger in den Reihen der Heimatarmee in Warschau gekämpft hatte, sagte später: In den letzten Wochen erinnerte das Verhältnis zwischen Armee und Zivilbevölkerung an das Verhältnis zwischen Besatzungsmacht und unterjochtem Volk. [22]
Die Zivilisten in den Kellern hätten die Nachricht von der Kapitulation schließlich mit Erleichterung aufgenommen, während die aktiven Kämpfer auf den Barrikaden ihre Waffen nicht niederlegen wollten. Einige hätten sogar aus Wut und Verzweiflung Selbstmord begangen, da ihr Kampf nun umsonst gewesen sei. [23]
Anders beschreibt Maria Wiśniewska das Ende des Aufstands aus Sicht der Zivilbevölkerung: Die Ankündigung der Kapitulation am 2. Oktober wurde von der Zivilbevölkerung eher mit Resignation als mit Erleichterung aufgenommen. Sie verabschiedete die Soldaten, die in die Gefangenschaft gingen, nicht nur mit Trauer, sondern vor allem mit Herzlichkeit und bekräftigte damit einmal den engen Schulterschluss mit ihnen.[24] Zwar habe es Konflikte zwischen Einwohnern und Aufständischen gegeben, insbesondere als es in Anbetracht der sich immer länger hinziehenden Kämpfe zur Requirierung von Lebensmitteln kam. Doch seien dies Einzelfälle gewesen, die das positive Gesamtbild nicht trüben, so Wiśniewska .[25]
Agnieszka Cubała schildert auch negative Erscheinungen im Verhalten von Zivilpersonen während des Aufstands, die nicht zum tradierten Heldennarrativ passen. Hierzu gehörten Diebstähle, illegale Requirierungen, Alkoholismus, Raubmorde, Morde aus religiösen oder ethnischen Motiven, Defätismus, die Verbreitung von Gerüchten, Spekulantentum und Wucher, Selbstjustiz sowie ein allgemeiner Mangel an solidarischem Verhalten und die Geringschätzung von Behörden und Autoritäten.[26]
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[1] Agnieszka Cubała: _Zwyczajni ’44. Ludność cywilna w powstaniu warszawskim_[Die Gewöhnlichen ’44. Die Zivilbevölkerung im Warschauer Aufstand] Warszawa 2024, S. 7-8.
[2] ebenda, S. 18.
[3] Andrzej Garlicki: _Z perspektywy piwnic_ [Aus Kellerperspektive] In: _Polityka_ vom 31.7.2004. Unter der URL: https://www.polityka.pl/archiwumpolityki/1823056,1,znbspperspektywy-piwnic.read (Letzter Abruf: 30.1.2026).
[4] Joanna Hanson: _The civilian population and the Warsaw uprising of 1944._ Cambridge 1982. Unter der URL: https://archive.org/details/civilianpopulati00hans/page/n9/mode/2up (Letzter Abruf 1.2.2026).
[5] ebenda.
[6] ebenda.
[7] Agnieszka Cubała: _Zwyczajni ’44. Ludność cywilna w powstaniu warszawskim_[Die Gewöhnlichen ’44. Die Zivilbevölkerung im Warschauer Aufstand] Warszawa 2024, S. 295.
[8] Jerzy Kirchmayer: _Powstanie Warszawskie_ [Der Warschauer Aufstand]. Warszawa 1959, S. 11.
[9] Oskar Halecki: _Geschichte Polens_. Frankfurt/Main 1963, S. 254.
[10] Norman Davies: _Powstanie ’44_[Aufstand der Verlorenen: der Kampf um Warschau 1944]. Kraków 2004, S. 7.
[11] Juliusz Burgin: _Przedmowa_ [Vorwort]. In: Jerzy Kirchmayer: Jerzy Kirchmayer: _Powstanie Warszawskie_[Der Warschauer Aufstand]. Warszawa 1959, S. 1-6, hier S. 4.
[12] Maciej Stasiński/Norman Davies: _Rozkaz rozpoczęcia powstania warszawskiego nie był aż takim błędem_[Der Befehl zum Aufstand war kein so großer Fehler] In: _Gazeta Wyborcza/Ale Historia_ vom 29.7.2022. Unter der URL: https://wyborcza.pl/alehistoria/7,121681,28733577,norman-davies-uwazam-ze-powstanie-warszawskie-bylo-w-pewnej.html#do_w=167&do_v=1261&do_st=RS&do_sid=2152&do_a=2152&s=S.related-K.C-B.1-L.1..zw (Letzter Abruf: 29.1.2026).
[13] Janusz Marszalec: _Powstanie Warszawskie: wojna, polityka, życie społeczne i mit_ [Der Warschauer Aufstand: Krieg, Politik, Gesellschaft und Mythos ] In: Bellona i Muzeum Historii Polski (Hg.): _Polski wiek XX: II wojna światowa_. Warszawa 2010, S. 337-375, hier S. 359. Unter der URL: https://ngoteka.pl/bitstream/handle/item/292/Powstanie_Warszawskie_wojna_polityka-JM.pdf%3Fsequence=9 (Letzter Aufruf: 8.1.2026).
[14] Maria Wiśniewska: _Wolni wśród barykad… – postawy społeczeństwa w powstańczej Warszawie_[Frei unter den Barrikaden… – Die Haltung der Zivilbevölkerung zum Warschauer Aufstand] In: _Niepodległość i Pamięć 29/2009_ ; S. 179-195, hier S. 186.
[15] Agnieszka Cubała: _Zwyczajni ’44. Ludność cywilna w powstaniu warszawskim_[Die Gewöhnlichen ’44. Die Zivilbevölkerung im Warschauer Aufstand] Warszawa 2024, S. 53.
[16] ebenda.
[17] ebenda.
[18] ebenda.
[19] Wilm Hosenfeld:_Brief an Ehefrau und Kinder_ vom 25.8.1944. In: Thomas Vogel (Hg.): _Wilm Hosenfeld „Ich versuche jeden zu retten“ Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern_. München 2004, S. 1-146, hier S. 835-836.
[20] Phillip Marti: _Der Fall Heinz Reinefahrt: SS-General, Kriegsverbrecher, Bürgermeister, Volksvertreter_. In: Uwe Danker/Sebastian Lehmann-Himmel (Hg.): _Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der personellen und strukturellen Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive im Auftrag des Schleswig-Holsteinischen Landtags_. Schleswig/Flensburg 2016. Anfügung II. Drei externe Berichte, S. 1-24, hier S. 5. Unter der URL: https://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl18/drucks/4400/drucksache-18-4464.pdf (Letzter Abruf: 2.2.2026).
[21] Janusz Marszalec: _Powstanie Warszawskie: wojna, polityka, życie społeczne i mit_ [Der Warschauer Aufstand: Krieg, Politik, Gesellschaft und Mythos] In: Bellona i Muzeum Historii Polski (Hg.): _Polski wiek XX: II wojna światowa_. Warszawa 2010, S. 337-375, hier S. 360-361. Unter der URL: https://ngoteka.pl/bitstream/handle/item/292/Powstanie_Warszawskie_wojna_polityka-JM.pdf%3Fsequence=9 (Letzter Aufruf: 8.1.2026).
[22] Kamil Janicki: _Cywile wobec powstania_[Zivilpersonen und der Aufstand] In: _Newsweek Historia Extra_ 1/2024, S. 52-55.
[23] Agnieszka Cubała: _Zwyczajni ’44. Ludność cywilna w powstaniu warszawskim_[Die Gewöhnlichen ’44. Die Zivilbevölkerung im Warschauer Aufstand] Warszawa 2024, S. 54.
[24] Maria Wiśniewska: _Wolni wśród barykad… – postawy społeczeństwa w powstańczej Warszawie_[Frei unter den Barrikaden… – Die Haltung der Zivilbevölkerung zum Warschauer Aufstand] In: _Niepodległość i Pamięć 29/2009_ ; S. 179-195, hier S. 191-192.
[25] ebenda.
[26] Agnieszka Cubała: _Zwyczajni ’44. Ludność cywilna w powstaniu warszawskim_[Die Gewöhnlichen ’44. Die Zivilbevölkerung im Warschauer Aufstand] Warszawa 2024, S. 32.
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Kai Witzlack-Makarevich (8. Februar 2026). O micie entuzjastycznej ludności cywilnej. Vom Mythos der unbeugsamen Zivilbevölkerung. _Osteuropäische Kultur- und Landeskunde_. Abgerufen am 9. Februar 2026 von https://osteuropa.hypotheses.org/3398
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