loading . . . Heute Blog, morgen Fernsehen: Was sich aus den NSDAP-Karteien über gute Wissenschaftskommunikation lernen lässt Seit die NSDAP-Mitgliederkartei digital veröffentlicht wurde und insbesondere seit DIE ZEIT ihre Datenbank zu den Akten online stellte, dominiert ein Thema die öffentliche Debatte, zu dem Historiker*innen viel zu sagen haben – und das in den Medien mit einer Frage zusammengefasst wurde: „War Opa ein Nazi?“
In seinem Blog zum NS-Rüstungskonzern HASAG griff Martin Clemens Winter das Thema früh auf. Er war einer der ersten, die zeigten, welches Potential in dem neu zugänglichen Datenbestand für die historische Forschung steckt: Dass er zum Beispiel endlich den Nachnamen eines der brutalsten Täter identifizieren konnte – und andere Namen greifbarer wurden, weil sie jetzt mit Gesichtern verknüpft waren. Als Spiegel Online als eines der ersten Medien in Deutschland über die Kartei berichtete, verlinkte das Magazin seinen Blogbeitrag, der binnen weniger Tage über zehntausend mal aufgerufen wurde. Und dann kam der Schneeballeffekt. Von der Berliner Morgenpost über die FAZ bis hin zu MDR Aktuell: Martin Clemens Winter erklärte in einem guten Dutzend Medien, wie die Recherche in der Kartei funktioniert und dass sehr viel mehr darin steckt als nur ein neues Tool für Familienrecherchen.
Ich habe mit ihm über sein Engagement für die Wissenschaftskommunikation gesprochen und darüber, warum ein Wissenschaftsblog für ihn das richtige Medium war, seine Perspektive in die öffentliche Debatte einzubringen.
**Ulrike Stockhausen: Martin, seit über fünf Jahren berichtest du auf deinem Wissenschaftsblog „****HASAG Puzzle****“ aus deiner Forschung zu den Verbrechen der Hugo Schneider AG, einem Rüstungskonzern in Leipzig, durch den in der NS-Zeit zehntausende jüdische Zwangsarbeiter*innen getötet wurden.**
**Warum war es dir von Anfang an wichtig, dein Projekt mit einem Wissenschaftsblog zu begleiten und so die Öffentlichkeit an deiner Forschung teilhaben zu lassen?**
Martin Clemens Winter: Das Thema ist hier in Leipzig durch die Gedenkstätte für Zwangsarbeit, mit der ich auch zusammenarbeite, zwar schon bekannt, aber nicht in der Breitenwirkung. Die Geschichtsinteressierten kennen durchaus den Namen des Unternehmens [der HASAG], aber gerade die transnationale Dimension in Zusammenhang mit den Zweigwerken im besetzten Polen und der direkten Verbindung zum Holocaust ist vielen nicht geläufig. Diesen Aspekt wollte ich stärker in die Öffentlichkeit tragen.
Prinzipiell bin ich aber sowieso der Meinung, dass Forschung nie ein Selbstzweck sein oder nur die wissenschaftliche Community erreichen sollte. Wissenschaftler*innen sollten mit ihrer Forschung nach Möglichkeit immer auch nach draußen gehen, ganz besonders, wenn sie öffentlich finanziert ist. Bei meinem Thema ist das vielleicht leichter als in anderen Bereichen: Es gibt einfach viele Berührungspunkte, weil das Thema mit den Orten hier verknüpft ist.
Bild: Christiane Gundlach
**Zur Person**
Martin Clemens Winter ist seit Januar 2021 Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar der Universität Leipzig. Er forscht zu “Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG”. Er studierte an der Universität Leipzig und wurde dort promoviert. Neben der Wissenschaft liegen weitere bisherige Schwerpunkte seiner Arbeit auf historisch-politischer Bildungsarbeit, dem Kuratieren von Ausstellungen und Engagement für eine lebendige Erinnerungskultur an der Schnittstelle von Forschung, Politik und Gedenkstätten.
Aber da wollte ich nicht stehen bleiben: Über den Blog erreichen mich immer wieder Anfragen von Leuten, die gar kein Deutsch sprechen, die sich aber die Texte über KI-Programme übersetzen lassen. Das ist bei dem Thema besonders relevant, weil viele Angehörige von Überlebenden der HASAG international verstreut sind. Mit dem Blog erreiche ich auch die Nachkommen und kann in Kontakt mit ihnen treten.
Und schließlich ermöglicht mir der Blog, immer wieder Interessierten, mit denen ich spreche, Texte vorzulegen und so schnell mit ihnen in Austausch zu kommen.
Und ich bleibe im Schreiben: Gerade jetzt, wo es ans Schreiben der Monografie geht, habe ich meist ein Browserfenster offen mit meinen Blogartikeln, weil ich mir daraus die Verweise ziehe. Der Blog ist für mich also auch ein Forschungstagebuch, auf das ich jetzt zurückgreife, um die Aspekte nochmal in größeren Kontexten zusammenzuziehen.
**US: Anfang März dieses Jahres veröffentlichten die National Archives in den USA Digitalisate der NSDAP-Mitgliedskarten. Du warst einer der ersten Forschenden,****die direkt Einblick gegeben haben****, was das bedeuten kann für die historische Forschung – und der erklärt hat, wie man diese Kartei benutzt.**
**Ziemlich schnell griff als erstes****Spiegel Online********deinen Blogbeitrag auf, dann kam der Schneeballeffekt: Insgesamt haben wir bislang elf verschiedene Medien gezählt, mit denen du gesprochen hast oder die dich zitiert haben – Presse, Radio, TV bis hin zum Instagram-Kanal der Tagesschau.**
**Kannst du uns erzählen, wie es dazu kam?**
MCW: Ich habe selber gar keinen Überblick mehr! [lacht]. Aber langsam flaut es ab. Wie kam es dazu?
Ich habe selbst über die sozialen Medien, also über Bluesky, von der Veröffentlichung der Kartei erfahren. Da hatte sich ein erster Austausch dazu entsponnen. Ich bin ständig auf der Suche nach großen neuen Quellenbeständen, weil es für das Rüstungsunternehmen HASAG kein Unternehmensarchiv gibt und ich daher angewiesen bin auf Komplementärüberlieferungen aus anderen Provenienzen. Wenn jetzt so ein großer neuer Quellenbestand [wie die NSDAP-Mitgliederkartei] auf einmal zugänglich ist, ist das für mich sehr interessant, wenn er mir womöglich hilft, die empirischen Lücken durch das fehlende Unternehmensarchiv auszugleichen. Ich habe mich dann recht schnell eingearbeitet und geschaut: Was ist da? Wie funktioniert das? Wie verlässlich sind die Suchergebnisse?
Dazu wollte in Austausch gehen mit anderen Leuten aus der Community. Ich habe dann bei Bluesky ein, zwei Threads gemacht, wo ich erste Erfahrungen geteilt habe über die Arbeit mit diesen Unterlagen. Parallel dazu habe ich einen Thread verfasst und darin gezeigt, was mir das für die Forschung zur HASAG bringt. Das lief dann ein paar Tage und ich dachte schon manchmal, „Eigentlich komisch, dass die Medien noch nicht so richtig darauf aufspringen, das ist doch eigentlich schon interessant.“
> Ich dachte schon manchmal, eigentlich komisch, dass die Medien noch nicht so richtig darauf aufspringen, das ist doch schon interessant.
Und tatsächlich hat diesen Austausch bei Bluesky dann ein Journalist von Spiegel Online entdeckt. Er hat mich angeschrieben und wir haben telefoniert. Dabei habe ich natürlich auch versucht, zu betonen, was das für die Forschung heißt. Ich komme ja nicht aus der Familienrecherche, sondern habe durch mein Projekt zu einem Rüstungskonzern einen anderen Blick. Diesen Aspekt wollte ich gerne in den Artikel einbringen, weil das über die Frage „War Opa in der Partei oder nicht?“ hinausgeht. Ich habe dem Journalisten den Blog empfohlen und er fragte mich, ob ich denn [zur NSDAP-Kartei] auch einen Blogartikel geschrieben hätte. Nach dem Gespräch habe ich mich hingesetzt und habe diesen Blogartikel geschrieben. Ich wollte ihm gerne etwas Abrufbares, Fundiertes an die Hand geben, mit dem die Lesenden etwas anfangen können. Ich schreibe ja immer mit der heißen Nadel, aber so schnell habe ich noch nie einen Artikel geschrieben [lacht].
Zwei Tage später ging der Spiegel-Artikel online, der hatte schon in den ersten paar Stunden 300.000 Zugriffe. Ab da funktionierte dann auch der Zugriff auf die National Archives nicht mehr, weil viele, die diesen Artikel gesehen haben, zusammen unfreiwillig deren Server lahm gelegt haben durch die Menge der Zugriffe. Und dann kam der Schneeballeffekt: Dadurch, dass mein Name im Artikel erwähnt war, riefen die Medien zuerst bei mir an. Ich war ein paar Tage fast nur damit beschäftigt, Interviews zu machen. Aber ich freue mich, dass auch viele andere Kolleg*innen dazu zu Wort gekommen sind, die z. B. in den Familienrecherchen viel kompetenter sind. Und dank meiner Förderung durch die Alfred-Landecker-Stiftung hatte ich auch die Zeit und die Freiheit dafür.
**US: Du hast ja schon gesagt, dass Bluesky für dich der Aufhänger war, über den die Presse dich gefunden hat und dass der Blog das Medium war, mit dem du dann die Debatte etwas fundierter unterfüttern konntest. Würdest du sagen, dass ein Wissenschaftsblog immer auch eine begleitende Social-Media-Präsenz braucht?**
MCW: Mir war eigentlich von vornherein klar, dass die Sichtbarkeit allein durch den Blog noch relativ beschränkt ist, abgesehen von dem tollen Umfeld der anderen Blogs bei Hypotheses natürlich. Ich wusste schon, dass ich noch eine andere Schnittstelle brauche, die auch niedrigschwelliger ist für Leute außerhalb der eigenen Community. Deswegen wollte ich beides zusammenbringen: Die Texte auf dem Blog zu schreiben und die dann anderswo zu verlinken, wo Personen sie finden, die sich für solche Themen interessieren und die einem dann – damals auf Twitter, jetzt auf Bluesky – folgen.
**US: Du hast auch schon vor dem NSDAP-Beitrag in öffentliche Debatten interveniert – und bist auch von den entscheidenden Stellen wahrgenommen worden, als es um die Frage desDenkmalschutzes für ein Gebäude der HASAG ging. Wie hast du in dem Fall erreicht, dass der Beitrag dort angekommen ist, wo du deinen Argumenten Gehör verschaffen wolltest?**
MCW: Da bin ich nicht aktiv auf die zugegangen, sondern der Kontakt kam darüber, dass die Mitarbeitenden des Landesamts für Denkmalpflege mir eine Mail geschrieben haben, weil sie meinen Beitrag dazu gesehen hatten.
Aber die Debatte über den Denkmalschutz lief da schon und mir war es wichtig, das zu unterstützen. Es gab eine zivilgesellschaftliche Initiative vor Ort, die sich dafür eingesetzt hat, den Denkmalschutz zu erreichen, weil es darum ging, dass [ein Gebäude der HASAG im sächsischen Taucha] eigentlich abgerissen werden sollte für einen Parkplatz. Das wollte ich eben nicht nur mit einer Unterschrift unterstützen, sondern auch mit meiner Expertise. Die Quellen dafür hatte ich schon und da habe ich dann nochmal klar gezeigt, warum Denkmalschutz wichtig wäre für das Gebäude. Als die Denkmalschutzbehörde das gefunden hat, haben wir länger dazu telefoniert. Ich konnte ihnen dann noch Quellen zukommen lassen, weil sie wegen Corona damals nicht ins Archiv kamen. Ich glaube, sie hätten den Denkmalschutz auch ohne mich erteilt – das hoffe ich zumindest.
**US: Aber sie konnten das dann fachlich fundierter tun.**
MCW: Genau. Ich konnte das mit dem Blog unterfüttern und ihnen sozusagen zuarbeiten. Das ist schon toll, wenn man Ergebnisse hat, die nicht nur irgendwo auf Papier stehen, sondern man wirklich etwas erreichen kann.
> Das ist schon toll, wenn man Ergebnisse hat, die nicht nur irgendwo auf Papier stehen, sondern man wirklich etwas erreichen kann.
**US: Wie viel Zeit kostet dich ein Standard-Blogbeitrag?**
MCW: Das ist schwer zu sagen. Manche Textabschnitte kann ich mir aus Manuskripten rüberziehen, oder ich habe die Quellen schon aufbereitet da. Einen Tag ist man auf jeden Fall damit beschäftigt, selbst, wenn man nicht bei Null anfängt. Aber die Zeit ist ja nicht verschwendet, im Gegenteil: Es hilft einfach, die Dinge schon vorzustrukturieren. Für mich ist der Blog schon ein eigener Fundus an Themen, an aufbereiteten Aspekten, die ich auch für das Buch, das ich jetzt schreibe, wieder heraushole und anders zusammenziehe. Einiges kann ich im Buch größer machen, anderes wird dann vielleicht nur eine Fußnote sein. Aber man hat es dann schon mal durchdacht.
**US: Wie sieht es mit Geld aus: Hast du für den Blog auch im Projekt Gelder beantragt? Du hast ja zum Beispiel so schöne Grafiken in deinem Blog, kommen die von einer Agentur?**
MCW: Gott, sieht das nach Agentur aus? Das wäre ja schön! [lacht] Also, das ganze Projekt ist schon von vornherein als öffentlich wirksamer Forschungsprozess gedacht. Das war ein wesentlicher Aspekt meines Antrags: Dass ich nicht fünf Jahre im Büro sitze und am Ende mit einem dicken Buch für 80 Euro rauskomme, das keiner kauft, sondern, dass da unterwegs schon etwas passieren soll. Dafür habe ich am Ende zum Beispiel einen Podcast gemacht, der ursprünglich nicht im Antrag stand. Aber der Blog war schon von Anfang an geplant.
Mit der Gestaltung geht es mittlerweile sehr schnell, ich mache in Gimp in drei Minuten ein Bild zu so einem Puzzle. Ich habe mir ein YouTube-Tutorial angeschaut, das ist wirklich überhaupt kein Problem.
**US: Vielleicht ist es noch zu früh, darüber zu sprechen, aber: Bringt dir die rasant gesteigerte Sichtbarkeit auch etwas für deinen weiteren Weg in der Wissenschaft?**
MCW: Das kann ich noch nicht so richtig absehen. Vielleicht kann ich die Frage erst in einem Jahr richtig beantworten! Aber ich hoffe, es ist der Sache zumindest nicht abträglich.
**US: Und als letzte Frage: Welche Tipps würdest du Forschenden mitgeben, die ihr erstes Wissenschaftsblog starten?**
MCW: Machen!
Man sollte aber schon versuchen einzuschätzen, ob man die Regelmäßigkeit auch halbwegs halten kann und ob das Thema das hergibt. Und sonst: Über Social Media und auch über andere Kanäle den Blog immer wieder anpreisen und nicht darauf warten, dass es jemand findet. Denn sonst ist es viel Aufwand für möglicherweise gar nicht so viel Sichtbarkeit. Wenn man zum Beispiel eine Poster-Präsentation hat, kann man einen QR-Code zum Blog drauf setzen. Oder wenn man mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen etwas macht, dann darauf vorbereitet zu sein, seinen Blog-Content dort vorzuzeigen. Die Leute interessieren sich ja dafür, die mögen das auch, wenn sie da schnell mal was nachlesen können und nicht ins Buch gucken müssen.
Und ansonsten: Immer offen dafür sein, wenn Themen aufploppen, nach den Schnittstellen zu gucken. Bei NS-Themen hat man natürlich jeden zweiten Tag irgendeine gesellschaftliche Debatte, an die man anknüpfen kann. Man könnte ja sagen, dieses Rüstungsunternehmen ist ein Nischenthema. Aber gleichzeitig gibt es viele Anknüpfungspunkte her: Die NSDAP-Kartei, oder wenn es um die Nachgeschichte von großen Unternehmen geht, oder Debatten um Denkmäler. Solche Schnittmengen gibt es sicherlich auch bei anderen Themen, für die sich Leute wirklich interessieren. Dabei geht es nicht darum, andere Themen zu „kapern“, sondern einfach daran anzudocken und eigene Facetten aufzumachen.
**Vielen Dank für dieses Gespräch – und alles Gute dir!**
Die Fragen stellte Ulrike Stockhausen. Das Gespräch wurde per Videokonferenz am 7. Mai 2026 geführt und der Text anschließend für die Schriftform leicht gekürzt und überarbeitet.
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Beitragsbild: NSDAP-Zentralkarteikarte von Heinrich Christ. Bundesarchiv, R 9361-VIII KARTEI/5100211, Quelle: https://www.bundesarchiv.de/im-archiv-recherchieren/archivgut-recherchieren/nach-themen/die-nsdap-mitgliederkartei-in-der-sammlung-berlin-document-center/
Ulrike Stockhausen
Ulrike Stockhausen arbeitet als Referentin für digitale Wissenschaftskommunikation für de.hypotheses bei der Max Weber Stiftung in Bonn. Sie ist US-Historikerin… Weiterlesen
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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Ulrike Stockhausen (20. Mai 2026). Heute Blog, morgen Fernsehen: Was sich aus den NSDAP-Karteien über gute Wissenschaftskommunikation lernen lässt. _Redaktionsblog_. Abgerufen am 20. Mai 2026 von https://redaktionsblog.hypotheses.org/9830
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