loading . . . Digitale Ungleichheit und Y2K38 werden häufig isoliert betrachtet, obwohl sie eng miteinander verknüpft sind. Das Jahr-2038-Problem wirkt noch weit weg. Genau das ist Teil des Problems: Solange 2038 „später“ ist, bleibt vieles liegen. Betroffene Systeme laufen weiterhin im produktiven Betrieb, eine vollständige Erfassung existiert selten und verbindliche Migrationspläne fehlen. Mit jedem Jahr schrumpft das Zeitfenster für saubere Migrationen und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende keine elegante Lösung mehr übrig bleibt.
Denn Patches und Workarounds funktionieren nur so lange, wie die zugrunde liegende Technik überhaupt noch gepflegt wird. Je näher 2038 rückt, desto öfter wird sich die „Lösung“ auf das reduzieren, was Organisationen am schnellsten durchsetzen können: ersetzen. **Nicht reparieren, nicht modernisieren, sondern austauschen.**
Diese Logik ist nicht neu. Sie passt auffällig gut zu dem, was grosse Technologieanbieter ohnehin praktizieren: kurze Produktzyklen, harte Support-Enden, Gerätegenerationen, die sich nicht mehr sinnvoll aktualisieren lassen. In unserem Blog zu Android und Apple haben wir genau diese Mechanik beschrieben – eine Form von geplanter bzw. vorsätzlicher Obsoleszenz, bei der der Austausch zur Standardantwort wird, weil Support oder Updates den Weiterbetrieb wirtschaftlich unattraktiv machen.
Damit stellt sich eine Frage, die in der Y2K38-Debatte bislang kaum gestellt wird: **Wohin geht die ausgemusterte Technik?** Erfahrungsgemäss wird sie weiterverkauft, weitergereicht oder exportiert. Das technische Problem wird nicht beseitigt, sondern verlagert – zusammen mit den zeitlichen Grenzen, die in diesen Systemen eingebaut sind.
Für Entwicklungs- und viele Schwellenländer ist ein grossflächiger Austausch keine realistische Option. Dort wird Infrastruktur länger genutzt, Updates enden früher, Ersatzteile fehlen, Budgets sind knapp. Wenn die globale Nachfrage nach neuer, 2038-tauglicher Technik steigt, werden diese Länder nicht am Anfang der Lieferkette stehen. Wer heute schon mit Altlasten arbeitet, wird sie auch morgen weiter betreiben müssen.
Das Jahr-2038-Problem ist damit mehr als ein Bug. Es ist ein Test dafür, wie wir mit technologischen Altlasten umgehen – und ob wir akzeptieren, dass Risiken dorthin wandern, wo sie am wenigsten abgefedert werden können.
## Y2K38 als strukturelles Altlastenproblem
Heutzutage werden Software‑ oder Hardwaresysteme schnell als „Altlast“ bzw. „Legacy-System“ bezeichnet. Doch der Begriff ist unscharf. In der Praxis meint „Legacy“ nicht einfach „alt“, sondern eine Kombination aus technischen, organisatorischen und wirtschaftlichen Merkmalen.
Ein System wird selten allein wegen seines Alters zur Altlast. In den meisten Fällen ist es das Ergebnis einer Schwäche oder einer bewussten wirtschaftlichen Entscheidung. Solange ein System funktioniert, wird sein Weiterbetrieb gegenüber einer aufwendigen Migration bevorzugt. Der Austausch gilt als riskant, teuer oder organisatorisch schwer durchsetzbar, während die laufenden Kosten kalkulierbar erscheinen.
„Legacy“ beschreibt damit weniger einen technischen Zustand als einen betrieblichen Kompromiss. Es ist die Entscheidung, bekannte Risiken zu akzeptieren, um kurzfristig Stabilität zu wahren.
Problematisch wird diese Strategie, wenn externe Grenzen erreicht werden – etwa durch Support-Enden, regulatorische Anforderungen oder feste technische Limits wie im Fall von Y2K38. Dann zeigt sich, dass die vermeintlich rationale Entscheidung zum Weiterbetrieb langfristig neue Abhängigkeiten und Risiken geschaffen hat.
Y2K38 unterscheidet sich dabei von vielen anderen Altlasten. Sicherheitslücken, steigende Wartungskosten oder Leistungsprobleme lassen sich priorisieren, absichern oder über längere Zeit akzeptieren. Die Zeitgrenze von 2038 hingegen ist nicht verhandelbar. Sie markiert keinen graduellen Verfall, sondern einen funktionalen Bruch – Die Epochalypse! Systeme liefern ab dem 19. Januar 2038 um 03:14:07 UTC potenziell falsche Zustände oder versagen vollständig. Damit wird aus einer bislang kalkulierten betrieblichen Entscheidung ein strukturelles Risiko, das sich nicht mehr durch Weiterbetrieb oder organisatorische Kompromisse abfedern lässt. **Das Rad der Zeit lässt sich nicht aufhalten!**
## Die Digitale Ungleichheit in Zahlen
Internationale Erhebungen von ITU, Weltbank und Marktanalysen zeigen ein konsistentes Bild: Je niedriger das Einkommensniveau eines Landes, desto länger bleiben ältere Technologien im Einsatz – sowohl bei Endgeräten als auch bei Betriebssystemen und Netzinfrastruktur. Um dieses Ausmass greifbar zu machen, lohnt ein Blick auf Länder des sogenannten globalen Südens, in denen sich diese Muster besonders deutlich zeigen.
### Globale Nutzung von Betriebssystemen 2025
Schauen wir auf die weltweit am häufigsten genutzten Android-Versionen nach Ländern, wie sie in der Weltkarte dargestellt sind, wird das Muster deutlich. In vielen Ländern des globalen Südens dominieren Android-Versionen, die bereits mehrere Jahre alt sind. Dazu zählen grosse Teile Afrikas, Südasiens sowie Regionen in Lateinamerika und Südostasien. Dort verteilen sich die Marktanteile auf ältere Hauptversionen, während aktuelle Releases nur eine untergeordnete Rolle spielen.
In Industrieländern zeigt sich ein anderes Bild. In Europa, Nordamerika und Teilen Ostasiens konzentriert sich die Nutzung stärker auf neuere Android-Versionen. Der Wechsel auf aktuelle Releases erfolgt dort schneller, ältere Versionen verlieren rascher an Bedeutung.
Die Verteilung der Android-Versionen zeigt deutlich unterschiedliche Erneuerungszyklen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. (Quelle: Statcounter)
Schauen wir uns die Zahlen für Afrika genauer an, zeigt sich ein deutlich fragmentiertes Bild. Die jeweils neueste Android-Version erreicht dort keinen dominanten Marktanteil, sondern liegt – je nach Release-Stand – nur im Mittelfeld der Verteilung. Mehrere ältere Hauptversionen werden parallel genutzt und erreichen zusammen deutlich höhere Anteile.
Auffällig ist vor allem der grosse Anteil älterer Android-Versionen. Versionen unterhalb von Android 13 kommen zusammengenommen auf rund 40 bis 45 Prozent der genutzten Geräte. Für diese Releases stellt Google keine regulären Sicherheits- und Plattform-Updates mehr bereit.
Das bedeutet nicht, dass diese Geräte unmittelbar unbrauchbar wären. Es zeigt jedoch, dass ein erheblicher Teil der Android-Basis in Afrika auf Softwareständen arbeitet, deren Weiterentwicklung faktisch beendet ist.
Die Verteilung der Android-Versionen in Afrika. Die neuste Version ist nur auf Platz 5 (Quelle: Statcounter)
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Windows von Microsoft. Die StatCounter-Weltkarte (Stand: Dezember 2025) weist für viele Entwicklungs- und Schwellenländer weiterhin Windows 10 als dominierende Version aus. In Ländern mit höherer Kaufkraft und kürzeren Erneuerungszyklen setzt sich dagegen zunehmend Windows 11 durch.
Relevant ist dabei, dass Windows 10 seit dem 14. Oktober 2025 keinen regulären Support mehr erhält. Die weiterhin hohe Nutzung im globalen Süden zeigt, dass Betriebssystemwechsel dort langsamer erfolgen und bestehende Systeme länger im Einsatz bleiben müssen. Der Unterschied ist weniger technischer Natur als strukturell bedingt – durch Kosten, Hardwareanforderungen und begrenzte Möglichkeiten zum Austausch.
Während Windows 11 sich vor allem in wohlhabenden Ländern durchsetzt, bleibt Windows 10 im globalen Süden weit verbreitet. (Quelle: Statcounter)
### Digitale Kluft im Mobile Technologie-Mix
Um digitale Ungleichheit noch greifbarer zu machen, lohnt ein Blick auf die Zahlen aus „The Mobile Economy Africa 2025“ von GSMA Intelligence. Der Bericht zeigt die verwendeten Mobilfunktechnologien im Jahr 2025 und erlaubt einen direkten Vergleich zwischen Europa und Afrika.
Während in Europa mobile Kommunikation überwiegend über 4G- und zunehmend 5G-Netze abgewickelt wird, spielen in Afrika 2G- und 3G-Netze weiterhin eine zentrale Rolle. Ein erheblicher Teil der Verbindungen basiert dort noch auf älteren Netzgenerationen, die in Europa bereits abgeschaltet werden oder nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Der technologische Abstand zeigt sich damit nicht nur bei Endgeräten oder Betriebssystemen, sondern auf der Ebene der grundlegenden Netzinfrastruktur.
## Afrika (2025)
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5G
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4G
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3G
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2G
## Europa (2025)
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5G
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4G
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3G
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Nicht wesentlich optimistischer fällt der Ausblick auf das Jahr 2030 aus, den derselbe GSMA-Report wagt. Zwar geht GSMA von einem weiteren Ausbau moderner Mobilfunknetze in Afrika aus, zugleich zeigt die Prognose jedoch, dass ältere Netzgenerationen auch langfristig nicht vollständig verschwinden. Selbst in den 2030er-Jahren sollen 2G- und 3G-Verbindungen weiterhin eine Rolle spielen, wenn auch mit sinkendem Anteil.
## Afrika (2030)
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5G
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4G
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3G
%
2G
## Europa (2030)
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5G
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4G
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3G
%
2G
Für den laufenden Betrieb bedeutet das, dass Legacy-Hardware und -Software weiterhin erforderlich bleiben. Netze, Endgeräte und darauf aufbauende Dienste müssen über lange Zeiträume parallel auf unterschiedlichen technologischen Ebenen funktionieren.
## Der Export technologischer Altlasten
Jährlich gelangen hunderttausende Tonnen gebrauchter Elektronikgeräte aus Industrieländern in Entwicklungsländer. Diese funktionsfähigen Altgeräte – etwa Computer, Monitore, Mobiltelefone oder Unterhaltungselektronik – werden häufig als Second-Hand-Ware exportiert, sei es aus kommerziellen Gründen (Nachfrage nach günstiger Elektronik) oder als Spenden. Eine genaue Quantifizierung ist schwierig, da Handelsstatistiken neue und gebrauchte Geräte nicht unterscheiden. Trotzdem lassen Studien und Schätzungen das Ausmass erkennen:
* Europäische Union: Im Jahr 2020 wurden rund 0,6 Millionen Tonnen gebrauchte Elektrogeräte aus der EU legal zum Wiedergebrauch exportiert. Zusätzlich gingen ca. 0,5 Mio. Tonnen als illegale Elektroaltgeräte ins Ausland und weitere 1,5 Mio. Tonnen Altgeräte blieben „unverbleibt“, was häufig als Second-Hand deklariert exportiert wurde. Insgesamt könnten also bis zu 2,6 Mio. Tonnen Altgeräte (etwa ein Viertel des EU-Elektroschrottaufkommens) pro Jahr die EU verlassen (Quelle: _European Environmental Bureau (EEB)_)
* Vereinigte Staaten: Nach Recherchen des Basel Action Network (BAN) exportieren die USA monatlich etwa 2.000 Container mit ausrangierter Elektronik – das entspricht ca. 32.947 Tonnen pro Monat (hochgerechnet fast 400.000 Tonnen pro Jahr) – an Empfängerländer, die meist Entwicklungsländer in Asien sind. Dieser Exportstrom hat einen geschätzten Wert von einer Milliarde US-Dollar und umfasst v.a. gebrauchte Computer, Monitore und andere Geräte.
* Weltweit nach Afrika: Schätzungen zufolge gelangen mindestens 250.000 Tonnen Alt-Elektronik (EEE) pro Jahr nach Afrika Ein grosser Teil davon geht nach Westafrika, insbesondere in Länder wie Nigeria und Ghana, oft aus Europa. (Quelle: Wikipedia)
Diese Zahlen zeigen, dass der Export gebrauchter Elektronik beträchtliche Grössenordnungen erreicht hat. Mit steigendem Geräteverbrauch (die Zahl neuer Elektronikgeräte in der EU hat sich 2013–2022 fast verdoppelt)) und immer kürzeren Nutzungszyklen wächst auch das Aufkommen an Second-Hand-Exporten stetig.
## Second-Hand-Elektronik: gut gemeint, aber nicht gut genug
Um digitale Ungleichheit zu verringern, engagieren sich zahlreiche Hilfsorganisationen und Programme gezielt im Bereich der Wiederverwendung von IT-Geräten. Organisationen wie Computer Aid stellen gebrauchte Computer und andere Elektronik Bildungseinrichtungen, Verwaltungen oder gemeinnützigen Projekten im globalen Süden zur Verfügung. Diese Initiativen schaffen kurzfristig Zugang zu Technik und leisten einen wichtigen Beitrag zur digitalen Grundversorgung.
Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen eines Ansatzes, der sich vor allem auf Hardwarebereitstellung konzentriert. Der langfristige Nutzen gebrauchter Geräte hängt nicht allein davon ab, ob sie zum Zeitpunkt der Übergabe funktionsfähig sind, sondern davon, ob sie dauerhaft betreibbar bleiben. Genau hier entstehen strukturelle Probleme: Software-Support ist häufig bereits eingeschränkt oder endet kurz nach der Weitergabe, Sicherheitsupdates laufen aus, und klare Migrationspfade fehlen.
Second-Hand-Programme verlängern damit nicht nur die Lebensdauer von Hardware, sondern auch den Einsatz von Betriebssystemen und Softwareständen, deren Weiterentwicklung faktisch abgeschlossen ist. In vielen Fällen werden Geräte in Umgebungen eingesetzt, in denen sie über Jahre oder sogar Jahrzehnte betrieben werden müssen – deutlich länger, als ursprünglich vorgesehen. Wartung, Ersatzteile und technisches Know-how sind dabei oft nur begrenzt verfügbar.
Im Kontext von Y2K38 wird diese Schwäche besonders sichtbar. Die Weitergabe gebrauchter Geräte verschiebt nicht nur ein kurzfristiges Versorgungsproblem, sondern verlängert den Betrieb von Systemen mit festen zeitlichen Grenzen. Ohne begleitende Massnahmen wie regelmässige Updates und rechtzeitige Migrationsstrategien bleibt das Risiko bestehen – unabhängig davon, wie gut die ursprüngliche Absicht war.
## Y2K38: Für Afrika rückt das Jahr 2038 schneller näher
2038 ist für Afrika näher als für Europa oder Nordamerika, nicht weil die Zeit dort anders vergeht, sondern weil die technologischen Voraussetzungen andere sind. Die digitale Kluft äussert sich nicht nur im Zugang zu Technik, sondern vor allem in deren Alter, Wartbarkeit und Erneuerungsfähigkeit. Systeme werden länger betrieben, Softwarestände bleiben über Jahre unverändert, und der Austausch ganzer Infrastrukturen ist deutlich schwieriger.
Während in wohlhabenden Ländern Y2K38 zunehmend durch Migration und Austausch adressiert wird, bleibt in vielen afrikanischen Staaten ein grosser Teil der digitalen Infrastruktur auf Legacy-Technik angewiesen. Betriebssysteme ohne Support, ältere Netzgenerationen und Second-Hand-Hardware prägen den Alltag. Damit rückt eine feste technische Grenze wie das Jahr 2038 faktisch näher – nicht kalendarisch, sondern strukturell.
Bemühungen, digitale Ungleichheit durch Second-Hand-Spenden zu mindern, sind grundsätzlich sinnvoll und oft gut gemeint. Sie schaffen kurzfristig Zugang zu Technik und schliessen akute Versorgungslücken. Gleichzeitig stossen sie dort an ihre Grenzen, wo Hardware ohne langfristige Softwarepflege weitergegeben wird.
Im Kontext von Y2K38 wird diese Schwäche besonders sichtbar. Werden Geräte und Systeme weitergegeben, ohne dass zeitkompatible Softwarestände, Bugfixes oder klare Upgradepfade mitgeliefert werden, verlängert sich der Betrieb von Technik, deren Weiterentwicklung faktisch abgeschlossen ist. In diesem Fall entsteht kein nachhaltiger Nutzen, sondern ein absehbares Risiko. Ohne entsprechende Massnahmen ist die Grenze zwischen Second-Hand-Nutzung und zukünftiger Elektronikabfallproblematik fliessend.
Aus Sicht der BEOZ Association stehen insbesondere grosse Technologieunternehmen in der Verantwortung, ihre Altlasten nicht einfach weiterzureichen. Wer durch kurze Produktzyklen, harte Support-Enden und proprietäre Abhängigkeiten den Austausch erzwingt, kann sich nicht darauf beschränken, ausgemusterte Systeme weiterzugeben. Verantwortung endet nicht mit dem Verkauf oder der Spende von Hardware, sondern umfasst auch die **Betriebsfähigkeit über den gesamten Lebenszyklus** – einschliesslich Updates, Sicherheitsfixes und der Behebung zeitkritischer Fehler wie Y2K38.
Eigentlich müssten wir weiter sein. Die technischen Zusammenhänge sind seit Jahren bekannt, die betroffenen Systeme identifizierbar. Dass dennoch vor allem die ärmsten Regionen die Folgen tragen, ist kein technisches Versagen, sondern eine bewusste Unterlassung. **Y2K38 wird dieses Versagen offenlegen – sofern wir nicht handeln.** https://y2k38.ch/digitale-ungleichheit-y2k38-technologieexporte/